Aktualisiert 30.06.2009 10:58

PsychologieHeute gut, morgen böse

Moralisches und unmoralisches Verhalten balancieren sich gegenseitig aus: Wer sich in einem bestimmten Bereich besonders selbstlos verhält, neigt dazu, in einem anderen äusserst egoistisch zu handeln. Und umgekehrt.

Die US-Forscher führten mit insgesamt 46 Freiwilligen drei Tests durch. Grundprinzip aller Studienteile war die Verwendung positiver oder negativer Begriffe wie freundlich, fürsorglich, liebevoll und grosszügig beziehungsweise selbstsüchtig, unehrlich und grausam, mit denen sich die Teilnehmer beschreiben sollten.

Ziel dieser Manipulation war es, das Selbstwertgefühl der Probanden zu verändern – eine positive Beschreibung sollte dabei einen ähnlich aufbauenden Effekt haben wie beispielsweise eine gute Tat, während ein negativer Text die Selbstachtung schmälern sollte, ähnlich wie es bewusst rücksichtsloses Verhalten tut. Zusätzlich hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, bis zu zehn Dollar an eine wohltätige Organisation zu spenden.

Wer sich selbst positiv dargestellt hatte, spendete im Schnitt nur ein Fünftel von dem, was ein Testteilnehmer mit einer negativen Selbstbeschreibung abgab, zeigte die Auswertung. Ein ähnliches Ergebnis erhielten die Forscher auch, wenn es nicht um Spendengelder, sondern um einen Einsatz für den Umweltschutz ging. Offenbar gibt es also für jeden Menschen einen Sollwert an Tugend. Handelt er oberhalb oder unterhalb eines bestimmten Levels an Aufopferung, drängt er instinktiv zurück in die entgegengesetzte Richtung, um wieder dieses für ihn ideale Niveau zu erreichen. So säubert eine gute Tat nach einem moralischen Fehlgriff das moralische Selbstbild wieder, während eine überhöhte Selbstachtung etwa nach einer grossen Spende zum Beispiel durch ein gewisses Mass an Rücksichtslosigkeit wieder zurechtgestutzt wird.

Warum das so ist, können die Forscher bisher nicht sagen. Möglicherweise haben die Menschen jedoch nicht genügend Anreiz, sich in weiteren moralischen Tätigkeiten zu engagieren, wenn sie sich bereits zu moralisch fühlen, spekulieren sie. Vielleicht stecke das auch hinter dem bereits häufig beobachteten Phänomen, dass manche Menschen gerade dem Laster frönen, das sie öffentlich vehement anprangern.

Ilka Lehnen-Beyel, wissenschaft.de

Über die Forschung um Sonya Sachdeva berichtet die Northwestern University in Evanston.

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