Nahost-Konflikt: «Heute herrscht Frieden»
Aktualisiert

Nahost-Konflikt«Heute herrscht Frieden»

Auf beiden Seiten der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen war am Donnerstag ein lautes Aufatmen zu vernehmen.

«Heute herrscht Frieden», sagt der 16-jährige Palästinenser Osama Helas im Gazastreifen voller Freude. «Das ist das erste Mal, dass wir hier keine Granaten oder Schüsse hören. Ich hoffe, dass wir unser Leben jetzt jeden Tag so wie heute geniessen können.»

Dieselbe Hoffnung wurde auch in der israelischen Grenzstadt Sderot geäussert, die immer wieder das Ziel palästinensischer Raketenangriffe war. Bei strahlendem Sonnenschein wagten sich mehr und mehr Bewohner auf die Strasse. Zwar wurde immer wieder Skepsis laut, ob die sechsmonatige Waffenruhe mit der Hamas auch tatsächlich halten würde. Dennoch schien neuer Optimismus vorzuherrschen, nachdem der jahrelange Raketenbeschuss 13 Menschen getötet, Dutzende verletzt und Schäden in Millionenhöhe angerichtet hatte. Allein in den vergangenen zwölf Monaten waren in der 20.000 Einwohner zählenden Stadt mehr als 1.000 Sprengkörper explodiert.

Motti Lischar aus Sderot zeigt sich zuversichtlich, dass die Waffenruhe Bestand haben wird. «Wenn die Hamas etwas verspricht, dann hält sie sich auch daran», ist er überzeugt. «Denn jeder, der sich nicht daran hält, läuft Gefahr, dass ihm die Hand abgehackt wird.» Die Tatsache, dass die Hamas den Gazastreifen mit aller Härte regiere, werde sich in diesem Fall einmal positiv für Israel auswirken, meint Lischar.

Elieser Aschurow ist sich da nicht so sicher. Er hoffe das Beste, aber er befürchte das Schlimmste, sagt er, während er seine kleine Enkeltochter im Kindergarten abliefert. «Eine Waffenruhe ist immer das Richtige. Aber sie muss sich erst noch bewähren. Ob das möglich ist, muss die Zeit zeigen.»

Alle wünschen sich ein Ende der Angst

Noch ist in Sderot die Angst vor den Raketenangriffen aus dem Gazastreifen nicht völlig gewichen. Ein Bewohner zeigt auf sein nagelneues Auto, das noch am Mittwoch auf offener Strasse von einem Geschoss getroffen wurde. Es hatte nur 100 Kilometer auf dem Tachometer, doch nun hat es praktisch Schrottwert. Zumindest kamen keine Menschen zu Schaden.

Auf palästinensischer Seite verweisen viele Menschen ihrerseits darauf, wie schwer ihr Leben von den wiederholten israelischen Luftangriffen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Allein seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen vor einem Jahr kamen dabei mehr als 400 Palästinenser ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder.

Eines der Opfer ist die sechs Jahre alte Hadil al Smari, die in der vergangenen Woche im südlichen Gazastreifen getötet wurde. Ihr 38-jähriger Cousin Ahmad äussert nur geringe Hoffnung, dass der Waffenstillstand halten wird - schliesslich seien vorherige Abkommen dieser Art immer wieder gescheitert. «Wir wollen wirklich ein Ende aller Gewalt», sagt er. «Wir wollen einfach nur Menschen sein dürfen, ohne Angst schlafen gehen, unsere Felder bestellen, essen, trinken, studieren, reisen - alles ohne Angst. Aber ich befürchte, Israel ist nicht bereit, uns dies zuzugestehen.» (dapd)

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