«Heute ist es scheissegal, was Euch passiert ist»
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«Heute ist es scheissegal, was Euch passiert ist»

Die deutsche Band Tokio Hotel hat am Samstagabend ihr erstes Konzert in Israel gegeben. Das Fazit: Begeisterte acht- bis 18-jährige Fans, acht verletzte Mädchen und eine verbale Entgleisung.

Früher zog es Schimon Elkabetz zu Rocklegenden wie Pink Floyd und Deep Purple. Heute geht der 46 Jahre alte Israeli widerstrebend zu einem Konzert der deutschen Teenie-Band Tokio Hotel - seinen zehn und 16 Jahre alten Töchtern zuliebe.

Die vier Magdeburger Poprocker haben am Samstagabend in Tel Aviv ihr erstes Konzert in Israel gegeben. Das Fazit: Begeisterte und kreischende Fans - vor allem weibliche zwischen acht und 18 -, acht verletzte Mädchen und eine verbale Entgleisung.

Ausgerechnet in Israel hat Tokio Hotel inzwischen eine treue Fan- Gemeinde. Die Teenie-Band stürmte die Charts mit der englischen Version ihres Hits «Durch den Monsun». Als erste deutsche Band überhaupt hat es Tokio Hotel auf das Cover des Musikmagazins «Rosh E'had» geschafft.

Dem Vater blutet das Herz

Die zehnjährige Tochter von Elkabetz, Anit, zeigt beide Hefte stolz. Sie hat auch ein Poster der Nachwuchsstars Bill, Tom, Georg und Gustav in ihrem Zimmer aufgehängt. «Sie sind cool und sehen gut aus», sagt die Zehnjährige. Dazu Papa Schimon: «Da blutet mir das Herz».

Mehr als 5000 israelische Fans unterschrieben eine Petition, um ihre Teenie-Idole in das Heilige Land zu holen. Die israelische Botschaft in Berlin wandte sich dann mit einer Einladung an die Gruppe.

Zum Konzert in der Messehalle von Tel Aviv kamen am Ende nach Angaben des Veranstalters 3500 bis 4000 Besucher. Bei wohlwollender Schätzung dürfte es die Hälfte gewesen sein. Beim Einlass spielten sich tumultartige Szenen ab. Zwei Glastüren hielten dem Druck nicht stand und splitterten. Acht Mädchen wurden verletzt. Die Schnittwunden von drei Mädchen wurden im Krankenhaus behandelt.

«Schalom Tel Aviv. Wie geht es Euch», rief Sänger Bill Kaulitz zum Konzertbeginn auf Hebräisch. Die Menge dankte es ihm mit tosendem Jubel und Gekreische.

Nur die Musik soll zählen

Die Band versprach ein «geiles» Konzert. Das Motto: Alle Belastungen im deutsch-israelischen Verhältnis wie der millionenfache Mord an Juden zur Zeit des Nationalsozialismus werden ausgeklinkt. Nur das Verbindende, die Musik, zählt - zumindest für anderthalb Stunden.

Eine Pressekonferenz gab die Band trotz aller Bitten nicht. Es war vielleicht besser so. «Heute ist es scheissegal, was Euch passiert ist» und «scheissegal, was uns passiert ist», rief der gerade 18 Jahre alt gewordene Bill auf Deutsch seinem jungen israelischen Publikum zu.

Schon vorab hatte die Band in einem Interview der Hörfunkagentur dpa/Rufa gesagt: «Wir sind echt komplett unbelastet, was so die politische Seite angeht».

Der Holocaust verblasst

Neun Familienmitglieder hat Yael Levy während des Holocausts in deutschen Konzentrationslagern verloren. Ihre Eltern kauften keine deutschen Produkte. Die 46-Jährige hat Deutschland nie besucht.

«Ich hatte Probleme, die deutsche Sprache zu hören», sagt sie. Yael brachte ihre zwölfjährige Tochter mit gemischten Gefühlen zum Konzert einer deutschen Band. «Es ist nicht einfach. Wegen der Geschichte», sagt sie. «Aber man darf nicht vergessen, es ist eine neue Generation.» Tochter May hat sich wegen Tokio Hotel Deutschlehrbücher gekauft.

Auch die 17 Jahre alte Olja aus Jerusalem hat dank Tokio Hotel ihre Liebe zur deutschen Sprache entdeckt: «Ich kann nicht damit aufhören, ihre Lieder zu hören. Sie saugen mich auf. Ihre Texte haben mir geholfen, Deutsch zu lernen.» Oljas Freundin Paulina sagt: «Sie sind süss, scharf und sexy».

Wie Olja und Paulina sind auch viele andere Fans Kinder von russischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind. Die Dritte im Bunde, Jana, trägt ein Schild: «Tom ist ein Sexgott».

(sda)

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