Aktualisiert 11.03.2020 08:16

Lesbos

«Heute kamen in 4 Stunden 16 Boote an»

Demonstrationen, Ausschreitungen und Übergriffe auf Flüchtlingshelfer: Die Situation auf Lesbos eskaliert, sagt der Schweizer Nicolas Perrenoud (35).

von
D.Krähenbühl
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In der westtürkischen Provinz Edirne stecken Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa fest.

In der westtürkischen Provinz Edirne stecken Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa fest.

Huseyin Aldemir
Aber auch anderswo ist die Situation prekär.

Aber auch anderswo ist die Situation prekär.

Erdem Sahin
16 Boote mit über 400 Flüchtlingen sind allein am Sonntag innert vier Stunden auf der griechischen Insel Lesbos gelandet.

16 Boote mit über 400 Flüchtlingen sind allein am Sonntag innert vier Stunden auf der griechischen Insel Lesbos gelandet.

AP/Uncretided

In der westtürkischen Provinz Edirne stecken Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa fest, auch anderswo ist die Situation prekär und hat sich seit Erdogans Aufruf, nach Europa zu reisen, zugespitzt: 16 Boote mit über 400 Flüchtlingen sind allein am Sonntag innert vier Stunden auf der griechischen Insel Lesbos gelandet. Hier steigt die Angst, dass es nach 2014 und 2015 zu einer erneuten Flüchtlingswelle kommt. «Seit Erdogan angekündigt hat, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, steigt die Unsicherheit», sagt Nicolas Perrenoud.

Der 35-jährige Softwareingenieur lebt seit fast zwei Jahren auf Lesbos und ist Mitglied des Koordinationsteams der Nichtregierungsorganisation One Happy Family, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Die Frustration der Bevölkerung steige und steige, sagt Perrenoud: «Die Dorfbewohner von Moria blockierten heute die Zufahrtsstrassen zum gleichnamigen Flüchtlingscamp, damit die Polizei neu ankommende Flüchtlinge nicht registrieren kann.»

In der Nacht würden die Anwohner aus Angst vor Einbrüchen den Weg durch das Dorf sperren, sagt Perrenoud. In einem anderen heutigen Vorfall hätten Anwohner Flüchtlinge am Strand daran gehindert, an Land zu gehen. Während in den letzten Monaten täglich rund ein Boot auf Lesbos angekommen sei, habe die Zahl jetzt zugenommen. «Heute kamen innerhalb vier Stunden bis zu 16 Boote mit 400 Personen an.»

2000 Euro für eine Überfahrt

Der Grund für den Anstieg: Die Türkei betreibe einen «massiven Informationskrieg», sagt Perrenoud. So sei den Flüchtlingen mitgeteilt worden, dass die Grenzen offen seien und sie sich auf den Weg machen sollten. «Diejenigen, die jetzt auf dem Festland festsitzen, weil Griechenland die Grenze nicht öffnet, versuchen jetzt, mit dem Schlauchboot überzusetzen.» Die Preise dafür seien vor der Ankündigung Erdogans am Samstag bis zu 1000 Euro pro Person gelegen. Nun würden die Schmuggler das Doppelte verlangen.

Doch erstmals angekommen, würden die Strapazen erst beginnen: «Für viele heisst es Endstation Moria – nur wenige werden aufs Festland gelassen», sagt Perrenoud. Das grösste Flüchtlingscamp Europas sei für knapp 3000 Menschen ausgelegt, dort gebe es mittlerweile aber über 19'000 Personen. «Es fehlt an Medikamenten, Unterkünften, Essen und Sicherheit.» Auch über das Coronavirus wissen die Flüchtlinge Bescheid. «Da es aber noch keinen Coronavirus-Fall gab, ist es nicht oberste Priorität – die Leute haben genug andere Sorgen (siehe Box).

Flüchtlingshelfer werden angegriffen

Sorgen, die von einigen grosszügigen Anwohnern gelindert würden, sagt Perrenoud. «Viele versorgen die Flüchtlinge mit Nahrungs- und Arzneimitteln. «Aber es gibt immer mehr Leute, die massiv gegen Flüchtlinge hetzen und sogar übergriffig werden.» Darunter zu leiden hätten auch die Flüchtlingshelfer. «Sie sind der Ansicht, dass die Flüchtlinge nur deshalb kommen, weil wir ihnen eine Decke und etwas Warmes zu trinken geben», so Perrenoud. «Gerade letzten Freitag ist ein Auto einer NGO mit zwei Volontären darin von einem Mob attackiert worden, andere wurden bedroht oder geschlagen.»

Die Bereitschaft, aus Frustration Gewalt anzuwenden, steige spürbar. Perrenoud würde hoffen, dass sich die Schweiz an einem Verteilschlüssel beteiligt, der die Flüchtlinge auf die europäischen Länder verteilt. «Wenn so wie hier humanitären Grundrechte nicht beachtet werden, dann ist es die Aufgabe eines jeden Landes, etwas zu tun.»

Griechenland vertreibt Flüchtlinge mit Tränengas

Nach der von der Türkei angekündigten Öffnung ihrer Grenzen Richtung EU haben sich Tausende auf den Weg gemacht. Sie stossen auf Widerstand.

«Kommt es zu einem Corona-Fall, gibt es Panik»

Momentan sei eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus für viele Flüchtlinge das geringste Problem, sagt eine Mitarbeiterin der medizinischen Nichtregierungsorganisation Medical Volunteers International. Krankheiten wie Masern oder die wilden Blattern seien das akut grössere Problem. Bei den Behörden und Anwohnern sei die Krankheit aber durchaus ein Thema, sagt die Frau.

«Wenn die Flüchtlinge auf Lesbos landen, kriegen sie gleich eine Schutzmaske umgelegt.» Noch würden sich die Bewohner des Flüchtlingscamps lustig darüber machen. Sollte es aber zu einer ersten Ansteckung im Lager kommen, würden viele in Hysterie verfallen, weil die Krankheit neu und die Angst davor ungleich grösser sei. «Das wäre eine Katastrophe – eine Massenpanik macht es nicht einfacher, die Leute zu behandeln.»

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