Aktualisiert 20.03.2020 09:24

Klatschen fürs GesundheitspersonalHeute sagen wir Melissa (22) Danke

Melissa Dogan (22) arbeitet als Fachangestellte Gesundheit im Kantonsspital Liestal. Seit rund vier Wochen pflegt sie dort in einer Isolationsstation Corona-Patienten.

von
Qendresa Llugiqi

Melissa (22) pflegt Corona-Patienten. (Video: A. Peterhans, Ph. Salzmann, D. Brauchbar)

Die Schweiz will ihren Helden der Corona-Krise – den Pflegenden, den Ärztinnen und Ärzten und den Apothekern – am Freitag um 12.30 Uhr Danke sagen. Sie stehen zuvorderst an der Corona-Front, helfen den schwer Erkrankten und geben tagtäglich alles, damit die Schweiz diese schwere Zeit möglichst gut übersteht.

Eine von ihnen ist Melissa Dogan (22) aus Lausen BL. 20 Minuten hat mit ihr über die Situation an ihrem Arbeitsort – dem Kantonsspital Liestal BL – gesprochen. Die Türkin ist dort als Fachangestellte Gesundheit tätig und betreut seit rund vier Wochen vorwiegend Corona-Patienten. Das Spital hat zwei Etagen extra für Corona-Patienten zu einer Isolationsstation umgebaut. 36 Zimmer stehen bereit, zurzeit sind rund 25 Zimmer besetzt. Pro Zimmer gibt es einen Infizierten oder einen Verdachtsfall.

Schutzkleidung wird ständig gewechselt

«Nach jedem Patienten wechseln wir unsere Schutzkleidung, um ja keine Keime zu übertragen», sagt Melissa. «Dazu gehören FFP2-Masken als Mundschutz, Doppel-Handschuhe, ein Schutzkittel und eine Schutzbrille beziehungsweise Schutzfolien für Brillenträger.» Das An- und Ausziehen nehme rund zehn Minuten in Anspruch – mehrmals pro Tag. Das Arbeiten in Vollmontur sei anstrengend: «Unter der Kleidung wird es schnell warm. Es ist viel Material, was irgendwie auch einengt und beim Arbeiten stört. Durch die Masken ist das Atmen erschwert. Nach einiger Zeit werden wir durch den Sauerstoffmangel etwas müde. Aufhören können und wollen wir aber nicht.» Die Genesung des Patienten habe oberste Priorität. «Es klingt im ersten Moment vielleicht etwas harsch, aber die Zimmer müssen nach Austritt eines Patienten rasch freigegeben werden, damit wir andere Corona-Patienten gesundpflegen können.»

Die Mehrheit der Corona-Betroffenen sei zwischen 40 und 80 Jahre alt. «Wir haben aber auch schon 21- und 30-jährige Patienten betreut.» Auch der zweite Schweizer Corona-Todesfall sei in ihrem Spital gewesen. «Viele Patienten sind schon richtig krank, wenn sie hierherkommen. Sie haben starken Husten, Atembeschwerden und Fieber. Im hohen Alter kommen dann noch Vorerkrankungen, wie Demenz, allgemeine Schwäche oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinzu. Auch wenn jemand bereits an der Dialyse ist oder eine Chemotherapie macht, wissen wir, dass diese Nebendiagnosen den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen können. Das stimmt einen extrem traurig.»

«Einige von uns arbeiten bereits am Limit»

Der Arbeitsaufwand mit den Corona-Patienten sei enorm hoch: «Es ist nicht einfach so, dass wir in ein Zimmer gehen, die Medis hinstellen und das Zimmer wieder verlassen. Wir geben den Patienten das Essen, übernehmen die Körperpflege und kümmern uns auch um ihre Zimmer, beispielsweise wechseln wir die Laken.» Durch die intensivere Arbeit komme es zu Überstunden: «Wir alle arbeiten länger. Jeden Tag unterschiedlich lang, aber eine halbe bis eine Stunde kommt täglich hinzu. Ausserdem müssen wir auf Abruf bereitstehen und schnell einspringen können, wenn beispielsweise jemand krankheitshalber ausfällt oder wenn es plötzlich mehr Fälle geben sollte.»

Die aktuelle Situation sei für viele enorm belastend: «Einige von uns arbeiten bereits am Limit, doch für unsere Patienten sammeln wir unsere Kräfte Tag für Tag. Die Anspannung versuchen wir mit Humor zu durchbrechen. Was aber in den nächsten Tagen auf uns zukommt, können wir nicht abschätzen.» Zu der Belastung kämen die Sorgen um das eigene Wohlbefinden und das der eigenen Familie hinzu: «Einige von uns pflegen ihre Eltern zu Hause oder haben Kinder. Auch ich habe den Kontakt zu meiner Familie seit drei Wochen abgebrochen. Ich will meine Eltern und meine Geschwister nicht anstecken. Noch kann ich aber meinen Mann anstecken. Das macht mir schon etwas Sorgen.»

Die Danksagungs-Aktion findet sie aufmunternd: «Wir haben auch schon im Team darüber gesprochen und finden es eine schöne Art, uns zu unterstützen. Obwohl sich vermutlich keiner da draussen vorstellen kann, wie streng unsere Arbeit im Moment ist. Es tut einfach gut, dass die Bevölkerung an uns denkt und hinter unserer Arbeit steht.» Sie wünsche sich, dass diese Wertschätzung nicht von kurzer Dauer ist: «Personalmangel ist in der Pflege schon länger ein Thema. Jetzt mit dem Coronavirus wird uns allen vor Augen gehalten, welche Auswirkungen das haben kann. Auch der Lohn ist so eine Sache: Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig unser Beruf ist, der eher unterbezahlt ist. Ich hoffe, dass sich dies nach der Krise ändert und wir endlich mehr Anerkennung für unsere Arbeit und die grosse Verantwortung erhalten.»

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