Aktualisiert 08.03.2013 13:33

Heiler-ProzessHI-Viren der Opfer haben denselben «Stammbaum»

Das Gerichtsverfahren gegen den «Heiler von Bern» geht in die zweite Runde: Das heute vorgestellte phylogenetische Gutachten belastet den Angeklagten schwer.

Es wird eng für den «Heiler von Bern»: Nach den Opfer-Aussagen vom Mittwoch belastet nun auch das heute vorgestellte phylogenetische Gutachten den Musiklehrer schwer. Die Viren der Opfer hätten ganz klar denselben «Stammbaum», sagte Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich.

Seine Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass sich alle 16 Personen aufgrund derselben Quelle infiziert haben. Allerdings lasse sich theoretisch nicht ausschliessen, dass einzelne Opfer sich gegenseitig angesteckt hätten, sagte Schüpbach. Diese Frage müsse letztlich das Gericht beantworten.

Nicht möglich sei dagegen eine serielle Ansteckung, bei der das Virus von A nach B, von dort nach C und so weiter übertragen wurde. Denn das Virus entwickle sich von Übertragung zu Übertragung weiter. Die Viren der hier Betroffenen seien hingegen alle sehr ähnlich.

«Das kann ja nicht sein, dass jemand so etwas tut»

Der Verteidiger des 54-jährigen Angeklagten hat schon mehrmals Zweifel an dem Gutachten geäussert und ihm einen vorverurteilenden Charakter unterstellt. Er forderte im Vorfeld des Prozesses ein unabhängiges Zweitgutachten aus dem Ausland. Mit dieser Forderung ist er bislang nicht durchgedrungen.

Experte Schüpbach wehrte sich vor Gericht gegen den Vorwurf, er habe das Gutachten unter der Annahme erstellt, dass der Beschuldigte tatsächlich der Täter sei. Als er mit dem Fall konfrontiert worden sei, habe er sich als Erstes gedacht: «Das kann ja nicht sein, dass jemand so etwas tut.»

Seit den 1990er-Jahren erstelle er solche Gutachten. Er freue sich immer, wenn er beweisen könne, dass ein Beschuldigter nicht Ursprung der Infektion sein könne. Auch im vorliegenden Fall hätten er und sein Team «nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet», beteuerte Schüpbach. Schliesslich stünden schwere Vorwürfe im Raum, die eine exakte Abklärung erforderten. (sda)

Der Heiler-Prozess

Staatsanwalt Hermann Fleischhackl wirft dem Musiklehrer G.* vor, 16 Schüler und Patienten mit HIV-kontaminierten Nadeln oder Nadel-ähnlichen Gegenständen gestochen zu haben. Der selbsternannte Heiler ist der schweren Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten sowie wegen Drohung, versuchter Nötigung und Tätlichkeiten angeklagt. G. bestreitet alle Taten. Der Prozess dauert drei Wochen, das Urteil soll am 21. oder 22. März verkündet werden.

*Name der Redaktion bekannt.

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