24.08.2020 11:41

StellenabbauHier entscheiden die Mitarbeiter, wer gehen muss

Bei Globetrotter steht ein Jobabbau an. Die Reisefirma lässt die Angestellten selbst wählen, welche Kollegen ihren Job behalten dürfen.

von
Raphael Knecht
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Die Pandemie stürzt auch Globetrotter in die Krise.

Die Pandemie stürzt auch Globetrotter in die Krise.

Globetrotter
CEO Dany Gehrig geht davon aus, dass der Umsatz des Reiseunternehmens dieses Jahr um 70 oder 80 Prozent einbrechen wird. Vier Geschäftsstellen werden geschlossen.

CEO Dany Gehrig geht davon aus, dass der Umsatz des Reiseunternehmens dieses Jahr um 70 oder 80 Prozent einbrechen wird. Vier Geschäftsstellen werden geschlossen.

Globetrotter
Statt dass der Chef selbst bestimmt, wer gehen muss, sollen Mitarbeiter an einer Art Wahlkampf teilnehmen.

Statt dass der Chef selbst bestimmt, wer gehen muss, sollen Mitarbeiter an einer Art Wahlkampf teilnehmen.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Das Reiseunternehmen führt den Stellenabbau mit einem neuen System durch.
  • Mitarbeiter sollen abstimmen, wer die verbleibenden Arbeitsplätze erhält.
  • Manche Mitarbeiter finden das befremdend und kündigen von sich aus.
  • Den CEO von Globetrotter freuts.

Filialschliessungen und Stellenabbau: Auch Globetrotter wird von der Coronavirus-Krise mitgerissen. CEO Dany Gehrig geht davon aus, dass der Umsatz des Reiseunternehmens dieses Jahr um 70 oder 80 Prozent einbrechen wird. Vier Geschäftsstellen werden geschlossen.

Was den Stellenabbau angeht, hat sich Gehrig ein besonderes, soziokratisches System ausgedacht, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Statt dass der Chef selbst bestimmt, wer gehen muss, sollen Mitarbeiter an einer Art Wahlkampf teilnehmen.

Konkret mussten sich die Angestellten über eine sogenannte Nominationsliste auf verfügbare Jobs neu bewerben und dann in Wahlgesprächen gegenüber anderen Kandidaten und vor den Vorgesetzten argumentieren, warum sie für die Stelle geeignet wären. Am Schluss geben die Teilnehmer bekannt, wen sie für die Stelle bevorzugen würden. Moderiert wird das Ganze von Gehrig selbst.

Hotelübernachtungen

Hälfte der Auslandtouristen fehlt

Für Reisebüros, deren Hauptgeschäft Ferien im Ausland sind, ist die Pandemie besonders schmerzhaft. Denn viele Touristen verschieben derzeit ihre Reisen – sei es aus Angst vor einer Ansteckung oder weil es plötzlich sein kann, dass eine Zwangsquarantäne nach der Rückkehr angeordnet wird. Das spiegelt sich auch im Schweizer Tourismus wieder: Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen die Schweizer Hotels von Juni bis August 44 Prozent weniger Übernachtungen von ausländischen Gästen. Dieses Minus kann nicht kompensiert werden, obwohl die Zahl der Hotelübernachtungen von Schweizer Gästen um 37 Prozent gestiegen ist. In der Stadt und am Berg fehlen von Juni bis August gesamthaft 3,2 Millionen Hotelübernachtungen, das sind im Vergleich zum Vorjahr minus 27 Prozent.

Einige Angestellte befremdet der Prozess, der noch bis Anfang September dauern soll, wie es im Bericht heisst. Gegen langjährige Kollegen anzutreten, falle vielen von ihnen schwer. Das habe zu vielen freiwilligen Kündigungen geführt – weil man nicht den anderen den Job wegnehmen wollte.

In den zwei Berner Filialen etwa habe es so viele Kündigungen gegeben, dass diejenigen, die den Job behalten wollten, allesamt bleiben konnten. Und das, obwohl die Filiale an der Aarbergergasse geschlossen wurde.

Gehrig sieht das positiv, denn so hätten sich die Mitarbeiter genau überlegt, ob sie den Job unbedingt wollten. Er glaubt, dass es eher die falschen getroffen hätte, wenn der CEO selbst bestimmt hätte, wer gehen muss.

Zudem hätte man dann dem Management vorwerfen können, dass die Mitarbeiter selbst nicht in die Entscheidung einbezogen worden seien. Dank dem soziokratischen System habe eine Filialleiterin in Brig mit guten Argumenten alle überzeugen können, dass ihre Filiale nicht geschlossen wird – obwohl die Geschäftsleitung laut Gehrig anders entschieden hätte.

System soll fairer sein

Das neue System war bei Globetrotter schon länger geplant, heisst es weiter. Gehrig hatte bereits Anfang Jahr der Geschäftsleitung vorgeschlagen, dass das Unternehmen künftig nicht mehr rein hierarchisch geführt werden soll. Das helfe, Entscheidungen nachvollziehbar und fair zu machen.

Laut dem CEO ist die Akzeptanz für das neue System wegen der Krise sogar eher grösser als zuvor. Eine abschliessende Bilanz könne er zwar noch nicht ziehen – Gehrig ist aber überzeugt, dass die Reorganisation den Zusammenhalt bei den 240 Mitarbeitern gestärkt habe.

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