Aktualisiert 20.08.2013 07:06

Being German«Hier hat Adolf Hitler gestanden?»

Zwei Briten leben für einen Monat «als Deutsche». Ist die Sendung «Make Me a German» ein Kampf der Klischee-Titanen oder doch versöhnlich? Ein Blick aus der neutralen Schweiz von P. Dahm.

«Was macht eine Durchschnittsfamilie in Nürnberg? Genau, eine schöne kleine Hitler-Tour», ätzt das NDR-Medienmagazin «Zapp» über die Kollegen von BBC 2. Grund dafür ist die Sendung «Make Me a German», die am 6. August um 21 Uhr lief. Werden hier wirklich bloss Klischees bedient? Haben Briten gegenüber den Deutschen ähnliche Vorurteile wie Schweizer?

«Haben Sie es nicht auch einfach satt, die deutschen Erfolgsgeschichte zu hören?», beginnt die Stimme aus dem Off. Sie haben mehr Jobs, arbeiten aber weniger und verdienen mehr – und manchmal spielen sie sogar guten Fussball. Sogar am Strand sind sie die Ersten. Um dem Geheimnis der Germanen auf die Spur zu kommen, hat die BBC Justin und Bee Rowlatt ins Feindesland geschickt.

Zu Gast bei Feinden

Der Journalist und die Autorin zügeln für einen Monat nach Nürnberg, das für «Lebkuchen, Würstchen und Nazis» bekannt sei: Fleisch und Faschisten sind natürlich ein gefundenes Fressen für das heimische britische TV-Publikum. Die Familie mietet sich in einem Wohnhaus ein und empfängt einen Werber, der ihnen den Film «Der Durchschnittsdeutsche» zeigt. Der strotzt vor Statistiken: Der verbreitetste Nachname ist Müller. «Sabine ist der häufigste Vorname. Also bin ich das», sagt Bee.

Der Wecker klingelt fortan um 6.23 Uhr: Deutsche stehen 20 Minuten vor dem Durchschnittsbriten auf. Die deutsche Frau bleibt morgens 28 Minuten im Bad, doch zur Arbeit fährt sie nicht. «Du verbringst die Zeit zu Hause mit den Kindern. Auch um ihnen Tischmanieren beizubringen», eröffnet ihr der Werber. Bee antwortet: «Das ist Deutschen wichtig, oder?» Ihr wird bestätigt, «Struktur und Ordnung» müssten sein.

«Hier hat Adolf Hitler gestanden?»

Bee muss von nun an täglich vier Stunden und elf Minuten mit Hausarbeit verbringen. «Ich muss Schwarzbrot essen, du Weissbrot», entnimmt die Britin dem Statistik-Buch. Später sieht sich die Familie die Stadt an – inklusive Besuch auf dem Reichsparteitag-Gelände, wo die NSDAP Massen aufmarschieren liess. «Hier hat Adolf Hitler gestanden?», fragt der Justin erregt.

Aufregung auch am ersten Arbeitstag bei einem mittelständischen Stift-Hersteller. Es geht streng zu: Justin muss sich etwas anhören, weil er unpünktlich ist. Zu Hause bekommt Bee Besuch einer Dame vom Hausfrauen-Bund – und lernt, «Kraut» und Spätzle zu kochen. Ihr Gatte geniesst das subventionierte Kantinenessen: Es gibt Leberkäse-Brötli für einen Euro. Beim Thema Sport finden sich sogar deutsch-britische Gemeinsamkeiten. Der Arbeitskollege sagt unbeholfen: «Football gestern war geil.»

«Es ist wie ein Kinder-Himmel»

Der britische TV-Zuschauer wird über den Lehrlingsberuf aufgeklärt. Justin gibt sich beeindruckt von «Faber Castell»: «Ich bin erstaunt, dass Deutschland bei einer Technologie führend sein kann, die so einfach zu kopieren ist wie ein Stift.» Die Angestellten findet er sehr fokussiert. «Es gab wenig Gespräche und wenn, dann ging es um Arbeit.» Er freut sich, dass er nur acht Stunden arbeiten muss – inklusive Mittagspause. «Es ist schön, mehr Zeit für die Familie zu haben.»

Begeistert sind die Briten vom Waldkindergarten: Die Kleinen sind bei Wind und Wetter in der Natur. «Es ist wie ein Kinder-Himmel», schwärmt Bee. Auch die Kosten halten sich im Rahmen: «Nur etwas über 25 Pfund die Woche! Das ist ein Leben hier!» Nicht so toll findet sie das Stigma der «Rabenmutter», das sie aus ihrer Heimat nicht kennt. Zwei Drittel der Mütter in Deutschland erziehen die Kinder, während in Grossbritannien zwei Drittel der Mütter arbeiten.

Bayern und Bullen

Nirgendwo in Europa gibt es so viele Vereine wie in Deutschland: Der Besuch beim städtischen Chor droht angesichts beleibter alter Leute zum Fiasko zu werden, doch Justin amüsiert sich mit den Deutschen und spricht später von einem «grossartigen Abend». Es gehe um mehr als das Singen, es gehe um die Gemeinschaft, ahnt er. «Grossbritannien ist scheinbar viel individualistischer.»

Zum Fussball: Hier sind die Vereine noch nicht in der Hand von Investoren, lobt der Fan von der Insel: «Noch so eine Erfolgsgeschichte!» Das Billet für das Match zwischen dem FC Bayern München und dem HSV findet er günstig – vor allem für die Anzahl der Tore. Es ist das Spiel, in dem der Rekordmeister die Hanseaten mit 9:2 vom Platz fegt.

Ärger mit der Polizei hat Justin auch, was aber nichts mit Fussball zu tun hat Nachbarn haben sich über Lärm am Sonntagmorgen beschwert. Es gehöre zum guten Ton, am Tag des Herrn still zu sein, belehrt ein Polizist. Dieses Gebot zu achten sei eine Frage des Respekts.

«Bier- und Weinquote getoppt»

Dann ist es für Justin Zeit, den «Stift an den Nagel hängen». Beim letzten Tag in der Firma gibt es Lob vom Kollegen Danny. «Er hat sich sehr gut angestellt.» Justins Resümee ist ebenfalls positiv. «Schweine- und Kartoffelquote erfüllt, Bier- und Weinquote getoppt», sagt er in Richtung seiner Frau. «Guter Mann», lobt sie mit einem Schlag auf seinen Schenkel. Sie selbst freut sich aber auf die Rückkehr, weil sie nicht mehr so viel Hausarbeit machen muss und einem «richtigen» Job nachgehen kann.

Justins Fazit ist versöhnlich. «Wir sind noch nicht wirklich die Müllers, aber wir haben viel darüber gelernt, wie es ist, Deutscher zu sein. Dass ihre harte Arbeit, ihr Ordnungssinn und ihre Effizienz von einem Sinn für Gemeinschaft und Verantwortungsbewusstsein für einander kommen.» Und: «Das hat vielleicht mit der Geschichte des Landes zu tun: Sie nehmen ihren Erfolg nicht für selbstverständlich.»

Fazit

Wie viel Vorurteil steckt nun in der Sendung? Briten denken, Deutsche seien kleinlich und humorfrei. Die Praxis gibt ihnen Recht, doch sie zeigt gleichzeitig auf, warum die Deutschen wirtschaftlich so «fokussiert» sind und mit weniger Arbeit mehr erreichen.

Alles hat seine Kehrseite: Einerseits sind die «Krauts» noch immer die Nazis. Andererseits geben die beiden Briten im Film zu, dass das Land genau deshalb nicht alles als selbstverständlich hinnimmt, langfristiger plant und mehr Gemeinschaftssinn an den Tag legt.

Last but not least und mit zwinkerndem Auge sei die Anmerkung erlaubt, dass Briten und Deutsche lieber ihre Gemeinsamkeiten betonen sollten – denn beim Klischee-Urlauber, der sich laut grölend und oben ohne durch die Ferien säuft, geben sie sich aus Schweizer Sicht ohnehin nichts.

Das Video der Sendung. Quelle. YouTube/zaneyyyyyy

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