«Historische Unwissenheit»: KZ-Bild auf Gemeinde-Website macht Schweizer Juden sprachlos

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«Historische Unwissenheit»KZ-Bild auf Gemeinde-Website macht Schweizer Juden sprachlos

Mit einem Bild des Schriftzugs «Arbeit macht frei» wies die Gemeinde Schattdorf auf ihrer Webseite auf Feiertags-Öffnungszeiten hin. Institutionen fordern nun eine bessere Bildung in Schulen zum Holocaust. 

von
Gianni Walther
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Auf der Webseite der Gemeinde Schattdorf wurde am Montag mit einem Bild des Schriftzugs «Arbeit macht frei» …

Auf der Webseite der Gemeinde Schattdorf wurde am Montag mit einem Bild des Schriftzugs «Arbeit macht frei» …

Screenshot schattdorf.ch
… darauf hingewiesen, dass die Gemeinde an Mariä Himmelfahrt geschlossen bleibt. Zeitweise war die Webseite der Gemeinde nicht mehr erreichbar.

… darauf hingewiesen, dass die Gemeinde an Mariä Himmelfahrt geschlossen bleibt. Zeitweise war die Webseite der Gemeinde nicht mehr erreichbar.

Screenshot schattdorf.ch
Ab und an konnte man jedoch wieder auf die Webseite zugreifen. Das Bild mit dem Schriftzug war nicht mehr zu sehen.

Ab und an konnte man jedoch wieder auf die Webseite zugreifen. Das Bild mit dem Schriftzug war nicht mehr zu sehen.

Screenshot schattdorf.ch

Darum gehts

  • Die Gemeinde Schattdorf UR hat für einen Hinweis zu Feiertags-Öffnungszeiten auf ihrer Webseite ein Bild des Schriftzugs «Arbeit macht frei» vom KZ Dachau veröffentlicht.

  • Der Geschäftsführer der Gemeinde entschuldigte sich für den «peinlichen Fehler einer Mitarbeiterin». Dieser sei die Verbindung des Schriftzugs zum Nationalsozialismus nicht bewusst gewesen.

  • Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) kritisiert den Vorfall und fordert mehr Bildung zum Holocaust.

  • «Ein solcher Vorfall darf in einer Gemeinde auf keinen Fall passieren», findet die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und fordert mehr Sensibilisierung. Der Holocaust dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Ein Bild mit dem Schriftzug «Arbeit macht frei» aus dem Konzentrationslager Dachau war am Dienstagmorgen auf der Webseite der Urner Gemeinde Schattdorf zu sehen. Damit wurde auf die geschlossene Gemeindeverwaltung am Feiertag Mariä Himmelfahrt hingewiesen. Inzwischen wurde das Bild entfernt. Der Geschäftsführer der Gemeinde entschuldigte sich für den «peinlichen Fehler einer Mitarbeiterin».

Dass es zum Vorfall gekommen ist, kritisiert der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG): Man habe «versucht, jemanden von der Gemeinde Schattdorf zu erreichen. Während die Kontaktaufnahme erfolglos war, können wir aber feststellen, dass sich die Gemeinde mittlerweile für den Fehler entschuldigt hat», so Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG. «Dieser Fehler zeigt aber eines ganz klar: Hier herrscht massivste historische und gesellschaftspolitische Unwissenheit vor», so der Generalsekretär.

Kreutner fordert eine bessere Sensibilisierung für das Thema. «Es zeigt ebenfalls, dass Bildung und Aufklärung in Schulen zur Naziherrschaft und zum Holocaust stärker gefördert werden müssen, damit solche extrem unsensiblen Situationen gar nicht erst entstehen können. Das muss Teil der Allgemeinbildung in der Schweiz sein», so Kreutner.

Sensibilisierung «auf alle Fälle notwendig»

«Ein solcher Vorfall darf in einer Gemeinde auf keinen Fall passieren. Offensichtlich wurde kein Vieraugenprinzip verwendet, welches einen solchen peinlichen Fehler hätte verhindern können», teilt die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus auf Anfrage mit. «Die Gemeinde entschuldigt sich zwar mit Unwissenheit. Aber das ist aus Sicht der GRA sehr bedenklich, denn es zeigt einmal mehr, dass die Verbrechen des Holocaust offenbar in Vergessenheit geraten», heisst es weiter. 

Meldungen zu ähnlichen Vorfällen hat die GRA noch nie erhalten. «Es ist aber auch fast nicht vorstellbar, dass jemand aus Unwissenheit Fotos von Konzentrations- oder Vernichtungslagern auf eine offizielle Webseite lädt. Unwissenheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht – das ist leider das Einzige, was uns dazu einfällt», so die Stiftung. «Sensibilisierung ist in diesem Bereich auf alle Fälle notwendig», heisst es denn auch bei der GRA. Dies sei ein Kernanliegen der Stiftung: «Die Geschichte des Holocaust darf nicht in Vergessenheit geraten.»

Sensibilisierung zu Holocaust und Antisemitismus

Die Stiftung GRA bietet auf ihrer Webseite umfangreiches Material zu den Themen Holocaust und Antisemitismus für Schulen an und unterstützt Reisen zu Holocaustgedenkstätten in Polen. Die Partnerstiftung SET hat zudem das Projekt «Holocaust, Nachkommen erzählen» ins Leben gerufen, bei dem sich Schulen anmelden können, damit Lernende Geschichten von Nachkommen von Holocaustüberlebenden hautnah mitbekommen können. Man sei aber auf die Mitarbeit der Schulen angewiesen, damit diese Themen aufgenommen würden, so die GRA. 

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