Aktualisiert 06.04.2016 14:37

Interaktive Karte

Hier können Sie sich noch ein Haus leisten

Ein Eigenheim ist in den letzten Jahren teurer geworden. Selbst 100'000 Fr. Jahreslohn sind in 65 Prozent der Schweizer Gemeinden nicht mehr genug für ein Haus.

von
Nikolai Thelitz

«Schaffe, schaffe, Häusle baue» – dieses bürgerliche Ideal ist zunehmend in Gefahr. Trotz tiefer Zinsen haben die Banken strenge Auflagen für die Vergabe einer Hypothek. Durch stark steigende Immobilienpreise ist so der Traum vom Eigenheim für viele Familien des Mittelstands in weite Ferne gerückt. 20 Minuten hat Daten von 800'000 Homegate-Inseraten ausgewertet. Dabei zeigt sich: Seit 2002 haben sich die Häuserpreise um rund 36 Prozent erhöht. Wo Sie sich noch ein Eigenheim leisten können, sehen Sie in der interaktiven Grafik.

Mit einem Jahreseinkommen von 100'000 Franken und 200'000 Franken Erspartem bekommen Sie eine Hypothek von etwa 660'000 Franken – je nach Konditionen bei der Bank. Damit hätten Sie sich vor 14 Jahren noch in 70 Prozent der Schweiz ein Einfamilienhaus mit 4,5 Zimmern leisten können. Letztes Jahr wären es noch 35 Prozent gewesen. Zwar hätten Sie damals auch weniger verdient, doch die Löhne sind seither weit weniger stark gestiegen als die Immobilienpreise. Selbst der starke Anstieg der Mieten in den letzten Jahren sieht neben der Preisentwicklung bei den Einfamilienhäusern moderat aus:

Was diese Entwicklung für Familien in der Schweiz bedeutet, zeigen unsere drei Beispiele:

Die junge Familie

Beat und Jeanine haben ein kleines Töchterchen bekommen und brauchen nun mehr Platz. Weil Sie etwas Geld (100'000 Franken) angespart haben, wollen sie sich endlich ein Eigenheim kaufen. Beat arbeitet als Musiklehrer und verdient im Jahr 65'000 Franken. Jeanine ist Verkäuferin in einer Drogerie und verdient mit ihrem Teilzeitpensum 25'000 Franken. Weil die Familie noch wachsen soll, muss das neue Heim der Familie mindestens 4,5 Zimmer haben. Das wird jedoch schwierig: Die Familie könnte sich nur noch in 12 % der Gemeinden niederlassen, in Regionen wie Appenzell-Innerrhoden, dem Entlebuch oder dem Sarganserland. 2002 wären noch 40 % der Schweizer Gemeinden in ihrem Budget gelegen.

Die Durchschnittsfamilie

Peter hat von der Verwaltung die Nase voll. Schon wieder will sie den Mietzins erhöhen. Er und seine Frau Maria beschliessen deshalb, mit den beiden Kindern in ein Eigenheim zu ziehen – schliesslich haben die beiden 200'000 Franken angespart und arbeiten beide. Peters Gehalt als Versicherungsfachmann und Marias Lohn als Erzieherin bringen dem Ehepaar jährlich 100'000 Franken ein. Doch selbst mit einem sechsstelligen Einkommen ist ein 4,5-Zimmer-Einfamlienhaus in zwei Dritteln der Schweiz zu teuer. Die Agglomerationen Zürich, Bern und Genf fallen weg, immerhin gibt es in den Kantonen Aargau und Luzern noch viele bezahlbare Gemeinden. Etwas besser sah es 2002 aus, damals hätte sich die Familie in 70 Prozent der Gemeinden niederlassen können.

Das Akademikerpaar

Christophe und Angelique leben in komfortablen finanziellen Verhältnissen. Er ist Dozent an der Universität, sie ist Rechtsanwältin. Sie kommen auf ein Jahresgehalt von 200'000 Franken. Christophes Eltern haben ihm zudem eine Erbschaft von 500'000 Franken vermacht. Alles, was den beiden jetzt noch fehlt, ist ein schmuckes, 5,5-Zimmer-Eigenheim an der Goldküste. Doch dies bleibt selbst für die Gutverdiener unerreichbar: Zürich sowie die angrenzenden Gemeinden sind zu teuer, viele Gemeinden in der Region Zug und in der Genferseeregion ebenfalls.

Warum die Preise so stark gestiegen sind und wie die Zukunft auf dem Immobilienmarkt aussieht, erklärt Claudio Saputelli, Immobilienexperte bei der UBS:

Herr Saputelli, wieso steigen die Preise für Wohneigentum noch stärker als die Mieten?

Ein Hauptgrund ist, dass Mietpreise reguliert sind und man Preisanstiege anfechten kann. Bei Wohneigentum gibt es eine freie Preisbildung. Bei hoher Nachfrage führt dies dazu, dass die Preise dort stärker ansteigen.

Besteht zurzeit die Gefahr einer Blase?

Nein, denn gemäss unserem Bubble Index, der die Gefahr einer Blase bewertet, verharren wir zwar seit rund 2 Jahren in der Risikozone, sind aber weit entfernt von der Blasen-Zone. In den nächsten Jahren werden wir wohl nicht in die Blasen-Zone kommen, auch weil die Luft aus dem Eigenheimmarkt langsam raus ist. In Boom-Regionen wie Zürich, Pfannenstiel und Genfersee gab es schon Preiskorrekturen von bis zu 20 Prozent nach unten.

Die Preise werden also nicht weiter steigen?

Vermutlich nicht, denn für das Jahr 2016 gehen wir im Gegenteil von einer Stagnation aus, wir erwarten sogar 1 Prozent Preisrückgang.

Trotz tiefer Zinsen rechnen die Banken mit strengen Kriterien. Ist das nötig?

Man kann sich natürlich fragen, ob das sinnvoll ist. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die Gefahr einer Verschuldung so vertretbar ist. Den Kunden ist schlussendlich auch nicht gedient, wenn sie wegen zu lockeren Bedingungen dann plötzlich die Hypothek nicht mehr bezahlen können.

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