Aktualisiert 19.04.2019 13:24

«Es gibt keine Kinder mehr»Hier leben zehnmal mehr Puppen als Menschen

In Nagoro leben nur noch 27 Menschen – dafür aber 270 lebensgrosse Puppen. Eine Japanerin hat ihr verlassenes Dorf damit bevölkert.

von
bee
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Willkommen im kleinen japanischen Dorf Nagoro.

Willkommen im kleinen japanischen Dorf Nagoro.

AFP/Kazuhiro Nogi
Der Ort in den Bergen im Südwesten von Tokio kämpft seit Jahren gegen einen Einwohnerschwund.

Der Ort in den Bergen im Südwesten von Tokio kämpft seit Jahren gegen einen Einwohnerschwund.

AFP/Kazuhiro Nogi
Aktuell leben noch 27 Menschen in dem Dorf – und 270 lebensgrosse Puppen.

Aktuell leben noch 27 Menschen in dem Dorf – und 270 lebensgrosse Puppen.

AFP/Kazuhiro Nogi

In dem kleinen Dorf Nagoro in den Bergen im Westen Japans leben nur noch 27 Menschen, aber zehn Mal so viele lebensgrosse Puppen. Die Dorfbewohnerin Tsukimi Ayano hat vor 16 Jahren damit begonnen, das überalterte und fast menschenleere Dorf mit Stoffpuppen neu zu beleben.

Nagoro, das rund 550 Kilometer südwestlich von Tokio liegt, ist inzwischen als «Tal der Puppen» bekannt. Dabei war die erste Puppe nur ein Zufallsprodukt: Ayano bastelte eine Vogelscheuche für ihren Garten, die sie mit Kleidern ihres Vaters ausstattete. «Ein Arbeiter, der sie im Garten gesehen hat, hielt sie wirklich für meinen Vater», berichtet die 69-Jährige. «Er grüsste ihn, dabei war es nur eine Vogelscheuche. Das war lustig.»

«Der jüngste Mensch ist 55 Jahre alt»

Seitdem hat Ayano rund 270 Puppen gebastelt. Sie nimmt Holzstäbe, Stoff für die Haut und Wolle für die Haare und stopft die Kleider mit Zeitungspapier aus. Nur drei Tage braucht die geschickte Puppenmacherin, um eine Puppe von der Grösse eines Erwachsenen herzustellen, die nun überall im Dorf herumstehen und -sitzen: an der Bushaltestelle, vor Häusern, vor einem geschlossenen Verkaufsstand.

Sogar die Dorfschule, die vor sieben Jahren zumachte, ist von Puppen bevölkert. «Es gibt keine Kinder mehr», erzählt Ayano über ihr Dorf, das einst 300 Einwohner hatte. «Der jüngste Mensch ist 55 Jahre alt.» Nach und nach hätten die Menschen das Dorf verlassen. «Jetzt ist es einsam», sagt Ayano. «Ich habe immer mehr Puppen gemacht, weil es mich an die Zeiten erinnert, als das Dorf noch lebendig war.»

Japan ist weltweit das Land mit der ältesten Bevölkerung, fast 28 Prozent der Japaner sind 65 Jahre alt oder älter. Die niedrige Geburtenrate hat zu einem starken Bevölkerungsrückgang geführt, die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in Grossstädte wie Tokio ist seit den 60er Jahren ungebrochen. Experten zufolge gelten mittlerweile rund 40 Prozent der 1700 Gemeinden in Japan als «entvölkert». (bee/afp)

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