Hüniken SO: Hier sind Schweizer ganz unter sich
Aktualisiert

Hüniken SOHier sind Schweizer ganz unter sich

Wie lebt es sich ganz ohne Ausländer? Ein Besuch in einer Gemeinde, in der jeder einzelne Bürger den Schweizer Pass hat.

von
J. Büchi

Auf dem Weg nach Hüniken fliegen die SVP-Plakate zur Masseneinwanderungsinitiative an der Autoscheibe vorbei. Neun Kilometer weit ist die Fahrt von Solothurn in die kleine Gemeinde – und mit jedem geben Beton und Industriebauten mehr den Blick ins Grüne frei. Im Dorf angekommen, sind die Plakate mit dem bekannten Apfelbaum-Motiv nirgends mehr zu sehen. Kein Wunder: Zuwanderung existiert in der Gemeinde nicht. Gemäss der letzten Erhebung des Bundesamtes für Statistik beträgt der Ausländeranteil in Hüniken 0,0 Prozent.

«Das Dorf ist sehr klein» sagt Gemeindepräsident Jürg Schibler, «und Mehrfamilienhäuser gibt es bei uns keine». Das sei wohl der Grund dafür, weshalb bisher keine ausländischen Familien den Weg in das 92-Seelen-Dorf gefunden hätten. Tatsächlich führt ein Spaziergang durch die Gemeinde an Einfamilienhäuschen verschiedenster Baujahre vorbei. An Bauernhöfen, die auf Holzschildern ihre Waren feilbieten: Äpfel, Birnen, Honig. Und natürlich am Herzstück des Dorfs, einer kleinen Kapelle, in der in der warmen Jahreszeit viele Brautpaare Hochzeit feiern. Menschen sind auf dem Rundgang keine zu sehen – bis auf einen Mann, der in seinem Wintergarten auf dem Hometrainer strampelt.

Dafür erstrecken sich in alle vier Himmelsrichtungen Wiesen bis zum Horizont. Oder so weit, bis sie vom kräftigen Grün des Waldrandes abgelöst werden. Hüniken ist damit in vielem das genaue Gegenteil vom Bild der Boom-Schweiz, das im Zuge der Zuwanderungsdebatte so oft gezeichnet wird.

Weder Dichtestress noch Kriminalität

Während die Berufspendler nur wenige Kilometer entfernt regelmässig im Stau stehen, weckt in Hüniken jedes Fahrzeug, das am Dorfeingang erscheint, sofort neugierige Blicke. Dichtestress ist kein Thema: «Wir würden gerne wachsen, aber wir dürfen kaum», sagt Schibler. Kürzlich wurden im Dorf acht Parzellen umgezont, auf denen nun gebaut werden kann – «doch mehr erlaubt uns der Kanton nicht.» Die Dörfer müssen ihr historisches Gesicht behalten, so das raumplanerische Gebot.

Auch Kriminalität oder belastete Sozialwerke sind in der Solothurner Gemeinde Fremdwörter. «Einen Einbruch gab es hier noch nie», sagt Schibler, der in dem Ort aufgewachsen ist. Den Posten Sozialausgaben kannte Hüniken in seiner Jahresrechnung lange nicht. Wenn die Gemeinde nicht vor einigen Jahren zusammen mit anderen Ortschaften in eine grössere Sozialregion eingegliedert worden wäre, läge der verbuchte Betrag noch immer bei null – denn einen Sozialfall hatte Hüniken bis heute keinen.

Schibler weiss, wovon er spricht. Im Dorf kennt jeder jeden. Und wann immer ein Problem in der Gemeinde auftaucht, landet die Aufgabe auf seinem Schreibtisch. Selbst um kaputte Strassenlampen kümmert sich der Gemeindepräsident persönlich. «Öffnungszeiten gibt es bei uns in der Verwaltung nicht. Wer eine neue Identitätskarte braucht, ruft einfach an – auch wenn Sonntagnachmittag ist.»

«Ein Stück heile Welt»

Es sei einfach «ein Stück heile Welt», sagt Schibler über sein Dorf. Dass keine Ausländer im Ort leben, sei für die Einwohner eigentlich nichts Spezielles. «Es gibt höchstens hie und da Stimmen, die es schätzen, dass ihre Kinder in der Schule als Schweizer noch in der Mehrheit sind.» Grundsätzlich wäre im Dorf aber jeder willkommen – solange er sich integriere. «Wir haben ein sehr aktives Vereinsleben. Wenn ein Zugezogener zum Beispiel in den Turnverein käme, wäre das schon die halbe Miete.» Schwierig fände es der Gemeindepräsident hingegen, wenn sich die Zuwanderer auf der Strasse nur in ihrer Sprache unterhalten würden. Es sei schon ungewohnt, einen Zürcher Dialekt im Dorf zu hören, witzelt er.

Und wie diskutiert man in einem Ort, in dem es keine Ausländer gibt, über die Zuwanderungsinitiative der SVP? Einen Stammtisch, an dem über solche Themen debattiert werde, gebe es nicht, sagt Schibler. Die einzige Beiz habe im letzten Jahr dichtgemacht. Auch an der Gemeindeversammlung, an der jeweils rund die Hälfte aller Stimmberechtigten teilnehmen, sei die Ausländerpolitik noch nie Thema gewesen. «Ich denke aber, die Initiative wird in unserer Gemeinde abgelehnt – etwa gleich deutlich wie in der restlichen Schweiz.» Die Erwartung, wonach Gemeinden mit kleinem Ausländeranteil solche Vorlagen am stärksten bekämpfen, werde sich bei ihnen kaum erfüllen.

Lesen Sie am Nachmittag von unserem Besuch in Kreuzlingen TG, wo Schweizer in der Minderheit sind.

Gemeinden ohne Ausländer

Von den rund 2500 Gemeinden in der Schweiz sind in folgenden keine Ausländerinnen oder Ausländer registriert (Stand 2012):

Champoz (BE)

Schelten (BE)

Berken (BE)

Willadingen (BE)

Hüniken (SO)

Mulegns (GR)

Hinterrhein (GR)

St. Martin (GR)

Gresso (TI)

Martisberg (VS)

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