Aktualisiert 30.01.2014 20:33

Kreuzlingen TG

Hier sind Schweizer in der Minderheit

«Zuerst kamen die Italiener, dann die ganze Welt»: Eine Reportage aus einer Stadt, in der die meisten Einwohner keinen Schweizer Pass haben.

von
J. Büchi

Nach dem Besuch in der 0%-Ausländer-Gemeinde Hüniken SO geht es in eine Stadt, in der über die Hälfte der Einwohner keinen Schweizer Pass hat: nach Kreuzlingen. Die Stadt am Bodensee ist die Deutschschweizer Gemeinde mit dem höchsten Ausländeranteil. Landesweit haben nur Leysin (VD, 60,8%), Randogne (VS, 59,6%) und Paradiso (TI, 53,6%) prozentual noch mehr Einwohner mit ausländischem Pass. Wie lebt es sich in einer Schweizer Stadt, in der man als Schweizer in der Minderheit ist? Ein Augenschein vor Ort.

Erste Anlaufstelle ist ein Restaurant mit grellblauer Fassade direkt am Bahnhof – der «St. Gallerhof». Mit seinen rustikalen Holzbänken, den Rüschenvorhängen und den Bierdeckeln auf dem Tisch eine Beiz, wie sie schweizerischer kaum sein könnte. Doch die Wirtin, Halide Topuz, stammt aus der Türkei. «Wir führen das Restaurant seit 26 Jahren», erzählt sie. «Ich fühle mich hier tipptopp integriert und habe inzwischen auch den Schweizer Pass.» Es ist gerade Znünizeit, am Stammtisch geht es heiter zu und her.

«Das liest man nur in der Zeitung»

Der einzige gebürtige Schweizer in der Runde wird nächsten Monat 85 – seit 60 Jahren ist Kreuzlingen sein Zuhause. «Zuerst kamen die Italiener, heute kommt die ganze Welt», sagt er. Auszumachen scheint ihm dies aber nichts. Gut gelaunt zwinkert er seinem Tischnachbarn, dem Kurden Ismet Calikusu, zu. «Solange anständige Menschen kommen, ist das doch recht.» Persönlich habe er noch keine schlechten Erfahrungen mit Ausländern gemacht. «Nur in der Zeitung liest man immer so verrückte Sachen.»

Die anderen am Tisch nicken. «Wer nicht arbeiten will oder Blödsinn macht, der kann gleich wieder gehen», sagt Calikusu, der als Bauunternehmer sein Geld verdient. «Alle anderen können in Kreuzlingen gut miteinander leben.» Seine drei Kinder gehen in Kreuzlingen zur Schule. «Es ist doch super, dass sie hier mit verschiedenen Kulturen in Kontakt kommen.» Der Mix mache das Leben erst spannend: «Schauen Sie uns an, wir sind doch eine super Truppe!»

Ein paar Giftpfeile werden dann aber doch noch abgefeuert. In Richtung der Asylbewerber, die am Bahnhof ihre Zeit totschlagen. Gegen jene, die überall bauen, «wo sie einen Grasbüschel erblicken». Und in Richtung der «arroganten Deutschen», die über die nur einen Kilometer entfernte Grenze gekommen sind. «Wobei – die kaufen wenigstens Immobilien. Fürs Geschäft ist das gut», sagt Bauunternehmer Calikusu.

Mit der Personenfreizügigkeit kamen die Deutschen

Tatsächlich verzeichnet Kreuzlingen seit 2002 eine starke Zunahme an deutschen Zuzügern. «Das steht in direktem Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit», bestätigt der parteilose Stadtammann Andreas Netzle beim Gespräch in seinem Büro. Die Bodenpreise seien im benachbarten Konstanz derzeit höher als in Kreuzlingen, deshalb würden viele deutsche Staatsangehörige in der Gemeinde bauen. «Früher waren die Italiener die grösste Ausländergruppe, heute sind über ein Viertel aller Einwohner Deutsche.»

Für die Beziehung zwischen Kreuzlingern und Konstanzern bedeutete der freie Personenverkehr den Beginn eines neuen Kapitels. Obwohl die beiden Städte eine gemeinsame Geschichte verbindet und sie «vom Flugzeug aus gesehen einen einzigen Siedlungskörper bilden», habe der massive Zustrom von ennet der Grenze anfangs Teile der Bevölkerung irritiert, so Netzle: «Damals führte es schon zu gewissen – sagen wir einmal – Befindlichkeiten, als plötzlich auffallend mehr Hochdeutsch gesprochen wurde.» Inzwischen habe man sich aber etwas daran gewöhnt.

58 Prozent Ausländer vor den Weltkriegen

«Als die Italiener, Spanier und Menschen aus dem Balkan in die Stadt gekommen sind, war das nicht anders.» Heute sei der hohe Ausländeranteil kaum mehr ein Thema, sagt Netzle – «denn der stieg ja nicht über Nacht auf dieses Level». Schon Anfang des 20. Jahrhunderts zählte Kreuzlingen bis zu 58 Prozent Ausländer. Zwar erfolgte in den Kriegsjahren ein Einbruch – doch seither nahm der Anteil wieder stetig zu.

Man habe Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen, sagt Netzle. «Heute profitieren wir davon, dass wir in einer extrem vielfältigen Gesellschaft leben.» Als Grenzstadt befinde man sich ohnehin in einer ausserordentlichen Situation. «Mit Konstanz liegt eine Grossstadt direkt vor unseren Füssen. Die Konsumenten geniessen deshalb die Vorteile von zwei Ländern.» Dieses Privileg sei den Leuten durchaus bewusst – und die Attraktivität Kreuzlingens für Zuwanderer entsprechend gross.

Politik wird von Minderheit gemacht

Doch wie äussert es sich, wenn über die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung weder wählen noch abstimmen gehen darf? «Mit dieser Frage sind wir natürlich konfrontiert», sagt Netzle. «Neue Steuerzahler verstehen es unter Umständen nicht, wenn sie bei uns nichts zu sagen haben.» Doch selbst wenn Kreuzlingen auf kommunaler Ebene ein Stimmrecht für Ausländer einführen wollte, müsste der Kanton dafür zuerst grünes Licht geben. Dass dies passiert, ist unwahrscheinlich – eine entsprechende Motion wurde im Thurgauer Kantonsrat abgelehnt.

Eine Stimme sollen die Ausländer durch den Ausländerbeirat erhalten, den der Stadtrat im Jahr 2008 eingesetzt hat. Das Gremium hat die Möglichkeit, Anregungen direkt beim Stadtrat zu deponieren. «Wir stellen fest, dass sich die Anliegen kaum von denen der Schweizer Bevölkerung unterscheiden», so Netzle. «Das zeigt, dass die Unterscheidung Ausländer oder Schweizer vielleicht gar nicht so wichtig ist, wie man manchmal denkt.»

«Cheibeschön»

Dennoch: Kratzt es möglicherweise am Selbstbewusstsein der Einheimischen, wenn sie im eigenen Land nur noch eine Minderheit sind? «Als der Ausländeranteil auf 48, 49 Prozent stieg – die Schweizer Mehrheit im Begriff war, zu kippen – lancierten wir eine Kampagne mit der Botschaft: Zusammen sind wir 100 Prozent Kreuzlingen», lautet die Antwort des Stadtammanns. Er hoffe, dass man den Leuten durch diese positive Botschaft allfällige Ängste nehmen konnte. «Ich habe den Eindruck, heute fühlen sich sowohl Schweizer als auch Ausländer bei uns wohl.»

Mir kommen die Worte in den Sinn, die mir die Runde vom St. Gallerhof zum Abschied mit auf den Weg gegeben hat: «Aber gell, Sie schreiben schon, dass wir es eigentlich cheibeschön haben hier.»

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