22.11.2017 08:50

Im Dienst von AirbusHier testet der Schweizer Chef-Pilot den Eurofighter

Der Berner Geri Krähenbühl ist an vorderster Front an der Entwicklung des Eurofighters beteiligt. 20 Minuten hat ihn an einem Testtag begleitet.

von
daw

«Für den Piloten ist es der Wahnsinn, mit diesem Flugzeug im Nachbrenner zu fliegen», sagt Testpilot Gerhardt Krähenbühl.

Als uns Gerhardt Krähenbühl am Morgen auf dem Firmengelände von Airbus in Manching bei Ingolstadt empfängt, hängt noch dichter Nebel über dem Flugplatz. Trotzdem hat der 54-Jährige, seit zwölf Jahren experimenteller Testpilot bei der Rüstungssparte von Airbus, bereits den Overall montiert. Er checkt den Wetterbericht und ist bester Laune: «Der Nebel geht weg. Hauptsache, ich kann starten.» Um 14 Uhr soll er abheben und Daten sammeln – getestet wird an diesem Oktobertag, wo ein neuer Sensor optimal positioniert werden kann.

Wer sich in seinem Büro umschaut, sieht schnell: Der ETH-Absolvent, den hier alle nur «Geri» nennen, ist eine Legende unter den Kampfjetpiloten: Bei der Schweizer Armee war er Testpilot im F/A-18-Programm, einen Steuerknüppel hat ihm Armasuisse zum Abschied geschenkt. Der Maschinenbauingenieur ist auch Absolvent der Testpilotenschule der US-Navy, wo er 19 verschiedene Flugzeugtypen fliegen musste. Dort erhielt er den Übernamen K12 – der Name «Kraehenbuehl» mit seinen 12 Buchstaben war für den Tower schlicht nicht auszusprechen.

«Der Eurofighter ist prädestiniert für die Schweiz»

Acht Milliarden will die Schweizer Regierung in den Schutz des Luftraums investieren, wie sie vergangene Woche verkündete – laut einem Bericht des VBS könnten mit sechs Milliarden Franken rund 30 moderne Kampfjets beschafft werden. In Ingolstadt macht man keinen Hehl daraus, dass man den Prestigeauftrag gerne an Land ziehen würde. «Je mehr Staaten mitmachen, desto günstiger werden künftige Weiterentwicklungen», sagt Airbus-Sprecher Florian Taitsch.

Krähenbühl, Ex-Generalstabsoffizier der Schweizer Luftwaffe, ist ein starker Trumpf der Deutschen in der kommenden Kampfjet-Evaluation. «Ich wünsche mir, dass die Schweiz ein vernünftiges Flugzeug kauft. Die Schweiz sollte sich nicht von anderen beschützen lassen.» Es sei ihm wichtig, dass die Schweiz autark bleibe.

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Gerhardt Krähenbühl in seinem Büro bei Airbus Defence and Space im bayrischen Manching.

Gerhardt Krähenbühl in seinem Büro bei Airbus Defence and Space im bayrischen Manching.

20 Minuten
Nachdem sich der Nebel aufgelöst hat, kann Krähenbühl zu seinem Testflug starten. Vor dem Start checkt er die Maschine.

Nachdem sich der Nebel aufgelöst hat, kann Krähenbühl zu seinem Testflug starten. Vor dem Start checkt er die Maschine.

Er macht einen konzentrierten, aber entspannten Eindruck.

Er macht einen konzentrierten, aber entspannten Eindruck.

Den Berner würde es mit Stolz erfüllen, würde die Schweiz «seinen» Eurofighter beschaffen: «Mit seinem kräftigen Antrieb, mit dem man vom Start direkt in den Looping gehen kann, ist er prädestiniert für die Schweiz.» Das habe er auch gesehen, als er an einer Flugshow in Sitten geflogen sei oder beim Zigermeet in Mollis. «Der Kollege mit dem Gripen hat Blut und Wasser geschwitzt», sagt Krähenbühl, ohne dass es hämisch klingen würde.

«Unerreichte Sphären»

Um 11 Uhr steht ein Briefing an: Zusammen mit den Ingenieuren werden die einzelnen Punkte genau besprochen. Nach einer Sammelphase begibt sich Krähenbühl zur Testmaschine, er begrüsst jeden Mitarbeiter mit Handshake und ist auch zu einem Spässchen aufgelegt, geht einmal um das Flugzeug herum. Schliesslich startet er pünktlich und zieht die Maschine steil nach oben. Nur den Nachbrenner kann er nicht zünden – aus Lärmschutzgründen.

Die Daten, die Krähenbühl während des Fluges sammelt, gehen in Echtzeit an den Boden. Der Reiz am Job sei, dass er als experimenteller Testpilot immer wieder in Sphären vordringen könne, in denen noch nie jemand geflogen sei, sagt Krähenbühl.

Bei der Entwicklung hilft ihm, der nach einem militärischen Vorkurs 1984 in die Flieger-RS eingerückt ist, seine immense Erfahrung. Es gibt kaum einen Flugzeugtyp, den er nicht schon geflogen wäre: Vampire, Hunter, Tornado und seit einigen Jahren gar die Messerschmitt 262 aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenn er von der Maschine spricht, glänzen seine Augen: «Das Flugzeug musst du mit dem Füdli fliegen. Es verzeiht keine Fehler.»

Er fährt mit dem Velo zur Arbeit

Aufgewachsen ist Krähenbühl in Belp bei Bern. Als er fünfjährig war, verstarb sein Vater. Seine Mutter, eine Österreicherin, habe grosse Probleme bekommen. «Sie hat gebangt, dass man ihr mich und meine Schwester wegnehmen würde. Das Verdingkindergesetz galt bis 1976.» Sie habe das aber nicht zugelassen und das Geschäft seines verstorbenen Vaters übernommen. «Wir hatten nicht viel Geld. Das hat mich geprägt.»

Wohl auch darum hat er keine Allüren, wenngleich er einer der Wichtigsten im Eurofighter-Projekt ist. Während der Firmenparkplatz mit 4500 Autos für Schweizer Verhältnisse gigantisch ist, kommt er mit dem Velo zur Arbeit. Und auch seine Arbeitskollegen, die er gerne mal zu einem Schnupftabak nötigt, beschreiben ihn als zugänglich, überschütten ihn mit Lob: Ein Glücksgriff sei der Schweizer gewesen, er spiele in der Champions League der Testpiloten, heisst es unisono.

Obwohl er in der Fliegerei alles erreicht hat, sagt der Schweizer freimütig: «Ich habe Höhenangst. Wenn ich an einem Abgrund stehe, schlottern mir die Knie.» Erstaunlicherweise gehe das vielen Kollegen so – bloss gäben es nicht alle zu.» Auch lässt er durchblicken, dass er bei aller Disziplin auch mal zu feiern weiss. «Ich bin ein Lebemann.»

«Ich habe zwei bis drei Fast-Zusammenstösse erlebt»

Krähenbühl ist zweifacher Vater und «glücklich geschieden», wie er sagt. Seine heutige Partnerin, eine Österreicherin, bringe viel Verständnis für die Fliegerei mit. Privat könne er aber auch über andere Dinge reden als die Fliegerei. Er lese gerne und interessiere sich für Geschichte. Seine Partnerin mache sich keine übermässigen Sorgen und habe vollstes Vertrauen. Erst als kürzlich zwei Eurofighter abstürzten – nach 400'000 Flugstunden ohne grösseren Zwischenfall – habe sie einige Fragen zu stellen begonnen.

Krähenbühl ist sich bewusst, dass ein Restrisiko immer mitfliegt. «Ich habe zwei, drei Near-Misses erlebt. Das ist der Moment, in dem das Herz stehen bleibt und wo man denkt: Danke Herrgott, dass das noch gut gegangen ist!»

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