Chaos in Ägypten: Hier wird das Büro der Muslimbrüder geplündert
Aktualisiert

Chaos in ÄgyptenHier wird das Büro der Muslimbrüder geplündert

Nach ihrem Sturm auf das Zentrum der Muslimbrüder in Kairo fordern Demonstranten den Rücktritt von Präsident Mursi bis Dienstag. Vier Minister seiner Regierungen nehmen schon den Hut.

Nach schweren Auseinandersetzungen mit mindestens acht Toten am Hauptquartier der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo haben Demonstranten das Gebäude gestürmt. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP beobachtete, wie zahlreiche Menschen am Montagmorgen in das sechsstöckige Gebäude im Osten der ägyptischen Hauptstadt eindrangen. Auch andernorts gingen die Proteste gegen Präsident Mohammed Mursi weiter. Die Demonstranten stellten ihm ein Ultimatum, bis Dienstagnachmittag zurückzutreten.

Vier Minister von Mursis Regierung haben am Montagnachmittag ihren Hut genommen, wie die Nachrichtenagentur AFP mitteilt: Die Minister für Tourismus, Umwelt, Kommunikation und Justiz haben bei Premierminister Hicham Quandil ihren Rücktritt eingereicht.

Im Fernsehen waren Bilder von zerschmetterten Fensterscheiben in der Zentrale der Muslimbruderschaft zu sehen; Rauch stieg über dem Gebäude auf. An der Frontseite des Hauses entfernte ein Demonstrant ein Schild mit dem Logo der Muslimbruderschaft, ein anderer schwenkte in triumphaler Geste von einem Fenster in einem der oberen Stockwerke aus die ägyptische Flagge.

Nach ihrem Angriff nahmen die Demonstranten unter anderem Möbel, Dokumente und Teppiche aus dem Gebäude mit. Ein Demonstrant kam mit einer Pistole aus dem Hauptquartier und übergab sie einem Polizisten.

Bereits am Sonntagabend hatte es am Sitz der Muslimbruderschaft schwere Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Anhängern von Präsident Mursi gegeben. Junge Protestierende griffen das Gebäude mit Brandsätzen und Steinen an. Am Eingangstor des von einer Mauer umgebenen Anwesens brannte es zeitweise. Anhänger der Bruderschaft schossen auf die Angreifer. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kamen mindestens acht Menschen ums Leben.

Mindestens 16 Tote

Am Sonntag waren in Kairo und anderen Städten Hunderttausende Ägypter auf die Strasse gegangen, um Mursis Rücktritt zu fordern. Es waren die grössten Proteste in dem Land seit dem Sturz von Machthaber Hosni Mubarak im Februar 2011. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte im Staatsfernsehen, landesweit seien seit Sonntag mindestens 16 Menschen bei den Protesten ums Leben gekommen, darunter die acht vor dem Gebäude der Muslimbruderschaft. Fast 800 Menschen seien verletzt worden.

Auch am Montag waren Massendemonstrationen gegen Mursi geplant. Zudem riefen die Mursi-Gegner zu Streiks auf. Ob die Gewerkschaften dem Ruf folgen würden, war zunächst unklar. Manche Demonstranten hatten in Zelten auf dem zentralen Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast in Kairo übernachtet. Die Organisatoren kündigten an, diese Stellungen halten zu wollen, bis Mursi zurücktritt. Sie stellten dem Staatschef ein Ultimatum, wonach er bis 17.00 Uhr am Dienstag zurücktreten muss. Zudem riefen die Organisatoren Polizei und Streitkräfte auf, sich hinter den Willen des Volkes zu stellen.

Sitzblockade in der Moschee

Anhänger des ägyptischen Präsidenten setzten ihre Sitzblockade vor einer grossen Moschee in Kairo fort. Tausende Islamisten hatten sich bereits am Sonntag in der Nähe des Präsidentenpalastes versammelt, um ihre Unterstützung für den umstrittenen Staatschef zu zeigen.

Die Mursi-Gegner werfen dem Präsidenten vor, seine Versprechen nicht gehalten zu haben und für einen wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich zu sein. Mursi schloss einen Rücktritt aber aus. Sollte ein gewählter Präsident zurücktreten, «wird es Leute oder Opposition auch gegen den neuen Präsidenten geben, und eine Woche oder einen Monat später, werden sie ihn zum Rücktritt auffordern», sagte Mursi der britischen Zeitung «The Guardian». (sda)

Frau bringt auf dem Tahrir-Platz ein Kind zur Welt

Eine Ägypterin hat inmitten von Hunderttausenden Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo ein Kind zur Welt gebracht. Das Mädchen soll «Tamarod» heissen, entschied ihr Vater.

«Tamarod» bedeutet «Rebellion» und ist der Name einer Kampagne von jungen Aktivisten mit dem Ziel, den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi zu stürzen. Die Organisatoren der Kampagne beglückwünschten am Sonntag auf ihrer Website die Eltern von Rebellion Mohammed, die in einem Erste-Hilfe-Zelt das Licht der Welt erblickte.

Deine Meinung