Absichtlich auf A6 in Leitplanke gefahren: «Hier wurde der Tod aller in Kauf genommen»
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Absichtlich auf A6 in Leitplanke gefahren «Hier wurde der Tod aller in Kauf genommen»

Mit seiner Ehefrau und der 8-jährigen Tochter im Auto fuhr ein Mann auf der A6 absichtlich in die Leitplanke. Mit Glück überlebten alle den Vorfall. Psychologin und Juristin Jacqueline Frossard versucht, die Tat zu erklären.

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Auf der Autobahn A6 zwischen Thun und Bern kam es am 19. Januar 2019 zu einem Unfall.

Auf der Autobahn A6 zwischen Thun und Bern kam es am 19. Januar 2019 zu einem Unfall.

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Kurz nach der Raststätte Windrose geriet gegen 20.30 Uhr ein Auto gegen die Leitplanke.

Kurz nach der Raststätte Windrose geriet gegen 20.30 Uhr ein Auto gegen die Leitplanke.

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Im Auto befanden sich drei Personen – ein Mann, eine Frau und ein Kind.

Im Auto befanden sich drei Personen – ein Mann, eine Frau und ein Kind.

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Ein Familienvater lenkte im Januar 2019 sein Auto auf der A6 zwischen Bern und Thun mit Absicht in die Leitplanke. Im Fahrzeug befanden sich auch seine Frau und die gemeinsamen Tochter (8). Mit Glück überlebten alle den Unfall . Der damals 39-Jährige handelte offenbar mit Absicht, weil seine Frau kurz davor verkündet hatte, dass sie sich scheiden lassen wolle. Der Mann muss sich in diesen Tagen vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland wegen versuchten Totschlags und versuchter vorsätzlicher Tötung verantworten. 20 Minuten liess den Fall von einer Fachperson analysieren.

Frau Jacqueline Frossard, Sie sind Fachpsychologin und Gerichtspräsidentin an einem Gericht. Warum hat der Mann so gehandelt?

Was die genaue Absicht des Täters war, kann aus der Distanz nicht beurteilt werden. Fest steht: Hier wurde der Tod aller in Kauf genommen. Vielleicht wollte er einfach sterben und der Tod der Angehörigen war ihm egal, oder aber er wollte, dass alle diese Welt verlassen, vereint, bevor es zur Trennung kommt. Offenbar hat die angekündigte Scheidung den Täter extrem unter Druck gesetzt, vielleicht fühlt er sich von seiner Familie abhängig oder er erachtet eine gescheiterte Ehe als persönliches Versagen.

Wie viel tatsächliche Tötungsabsicht steckt in der Regel hinter einer solchen Handlung?

Das kann ein Hilfeschrei sein, da die Aktion aber extrem gefährlich war, steckt in Fällen wie diesen auch die Inkaufnahme des Todes. Das heisst, auch wenn der Tod nicht das primäre Ziel ist, so ist das Leben in diesem Moment doch gefährlich gleichgültig geworden.

Mit welchen Folgen haben Opfer von solchen Vorfällen zu leben?

Wie gut Opfer solche Vorfälle bewältigen können, hängt weitgehend von ihrer Resilienz, also ihrer psychischen Widerstandsfähigkeit ab. Aber auch davon, wie die Geschichte weitergeht, wobei dem Verhalten des Täters und des Umfeldes eine wichtige Bedeutung zukommt. Bezeichnet der Täter danach andere als eigentlich Schuldige, dann wird es für die Mutter und das Kind schwieriger, als wenn der Täter aufrichtige Reue zeigt und die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Aber auch dann können bleibende Schäden entstehen. Immerhin ist das Vertrauen in einen einst geliebten Menschen massiv zerstört worden. Wichtig ist, dass den Betroffenen psychotherapeutische Hilfe angeboten wird.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)


Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

Wie häufig kommt es in der Schweiz zu solchen Vorfällen?

Wohl die meisten von uns haben schon Trennungen erlebt und wissen, wie schmerzhaft diese sind. Aber die allerwenigsten unter uns würden danach eine solche Tat begehen. Solche Ereignisse kommen immer wieder mal vor, aber nicht regelmässig. Vor allem in gewaltbetroffenen Beziehungen ist die Ankündigung einer Trennung der gefährlichste Moment. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb sich gewaltbetroffene Frauen nicht zu lösen vermögen: Neben vielen anderen emotionalen Gründen eben auch der, das sie wissen, dass es mit der Trennung für sie am gefährlichsten wird.

Gibt es eine Tendenz zur Häufigkeit solcher Vorfälle?

Wir hören immer mehr von Gewaltdelikten, was diesen Eindruck erwecken könnte. Andererseits lernen wir immer mehr über emotionale Belastungen zu sprechen, diese vielleicht auch im Rahmen einer Therapie zu bearbeiten und so einen anderen Umgang mit Belastungen zu finden. Ich würde eher sagen, Gewalt wird immer mehr zum Thema, wir hören immer mehr davon und akzeptieren sie immer weniger. Dies kann den Eindruck erwecken, dass sie ein zunehmendes Problem darstellt. Exzessive Formen häuslicher Gewalt hat es aber schon früher gegeben, nur wurde weniger darüber gesprochen.

Jacqueline Frossard ist Vorstandsmitglied der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP und amtet als Gerichtspräsidentin am Gericht für fürsorgerische Unterbringungen Basel-Stadt.

Jacqueline Frossard ist Vorstandsmitglied der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP und amtet als Gerichtspräsidentin am Gericht für fürsorgerische Unterbringungen Basel-Stadt.

(lah/cho)

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