Glasgow Necropolis: Hier wurden Kinder zu Vampir-Jägern
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Glasgow NecropolisHier wurden Kinder zu Vampir-Jägern

1954 sollen eines Nachts Kinder auf den Friedhof geschlichen sein, um einen Vampir zu töten. Der Vorfall sorgte für neue Zensurgesetze.

von
M. Steiger

Als Alex Deeprose am 23. September 1954 zum Friedhof im schottischen Glasgow gerufen wurde, dachte sich der Polizist nicht viel dabei: Ein typischer Fall von Vandalismus. Als er den Friedhof betrat, bot sich ihm aber ein verstörender Anblick: Hunderte von Kindern patrouillierten auf dem Friedhof.

Auf der Jagd nach einem Vampir mit Stahlzähnen

Die Kinder zwischen vier und vierzehn Jahren waren teilweise mit Messern oder angespitzten Stöcken bewaffnet. Dem irritierten Polizisten erzählten die Kinder, sie seien auf der Jagd nach einem Vampir.

Dabei handelte es sich nicht um irgendeinen Vampir: Sie suchten den Gorbals-Vampir. Gorbals ist ein Stadtteil von Glasgow und soll besonders von diesem kinderfressenden Vampir mit Stahlzähnen heimgesucht worden sein. Die Kinder auf dem Friedhof waren sich sicher: Der Gorbals-Vampir hatte zwei ihrer Klassenkameraden entführt – und gegessen.

Massenpanik

Die Angst der Kinder vor diesem Vampir hatte sich auch auf die Eltern übertragen. Der Schuldirektor und die örtliche Polizeiwache erhielten mehrere Dutzend Anrufe von besorgten Eltern. Und obwohl die Polizei die Kinderschar vertreiben konnte, war sie am nächsten Abend wieder da – und am Abend danach wieder.

Ronnie Sanderson, der damals acht Jahre alt war, erzählt der BBC von der Panik: «Auf dem Spielplatz gab es Gerüchte über einen Vampir. Irgendwann beschlossen wir Kinder, den Vampir zu jagen. Wir trafen uns alle nach der Schule und warteten beim Friedhof. Irgendwann schrie jemand ‹Dort ist der Vampir!› und wir drehten alle durch. Ich bin dann nach Hause gerannt und habe meiner Mutter gesagt, wir hätten einen Vampir gesehen.»

Die Schuld bei Comics gesucht

Der Gorbals-Vampir war offensichtlich eine urbane Legende: Es gibt keinerlei Dokumente über vermisste Kinder oder seltsame Vorfälle in Glasgow in diesem Zeitraum. Bei der Suche nach einem Schuldigen fanden Eltern und Schule schnell einen Sündenbock: Comics.

Speziell: Amerikanische Comics mit Titeln wie «Tales from the Crypt» (Geschichten aus der Gruft), deren unheimliche Bilder bei jungen Schotten immer beliebter wurden. Diese Comics, so waren sich die Erwachsenen sicher, waren schuld an der Panik der Kinder. Doch in keinem der Comics kommt eine Kreatur vor, die Ähnlichkeit mit dem Gorbals-Vampir hat.

Kurz nach der Vampir-Panik erliess die Regierung ein neues Gesetz zum Schutz von Kindern und jungen Erwachsenen. Mit dem «Children and Young Persons (Harmful Publications) Act 1955» wurde der Verkauf von Comics und Magazinen mit «verstörenden Inhalten» verboten.

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