Gefährlicher Trend: High mit Hustensirup – ein riskanter Rausch

Aktualisiert

Gefährlicher TrendHigh mit Hustensirup – ein riskanter Rausch

Schweizer Jugendliche haben einen neuen Rausch entdeckt: Sie kaufen Hustensaft und mischen ihn mit Sprite. Das ist lebensgefährlich. Jetzt werden neue Gesetze gefordert.

von
nj
Hustensirup mit Sprite: Schweizer Jugendliche haben den süchtig machenden Mix «Dirty Sprite» entdeckt.

Hustensirup mit Sprite: Schweizer Jugendliche haben den süchtig machenden Mix «Dirty Sprite» entdeckt.

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Beruhigend und euphorisierend: Hustensäfte mit Inhaltsstoffen wie Codein oder Dihydrocodein stehen – gemixt mit Softdrinks – bei Jugendlichen hoch im Kurs. Der 18-jährige Zürcher Silvan (Name geändert) hat das Getränk selbst schon probiert und erzählt: «Man wird davon total ruhig, sitzt nur noch da und lacht.» In seinem Bekanntenkreis sei die Kombination aus Sprite und Sprite und «Maka» – so nennen die Zürcher Jugendlichen den dafür häufig verwendeten Hustensaft Makatussin – weit verbreitet. Mehr als zehn Kollegen würden es beinahe täglich konsumieren, sagt Silvan. «Sie trinken es eigentlich über den ganzen Tag verteilt, selbst während der Arbeit.»

Der US-Trend namens «Dirty Sprite» oder «Purple Drank» ist nicht nur in Zürich angekommen. «Immer häufiger kommen Jugendliche in die Apotheke und verlangen Hustenmittel mit süchtig machenden Inhaltsstoffen», erzählt Anna-Magdalena Linder. Die Berner Grossrätin der Grünen ist Drogistin und hat bis vor Kurzem in einer Apotheke in Bern gearbeitet. «Besonders an den Wochenenden sind die Präparate in Sirup- oder Tropfenform bei Jugendlichen gefragt. Sie mischen sie dann mit etwas anderem oder konsumieren sie pur.»

Jugendliche ziehen von Apotheke zu Apotheke

Silvans Clique besorgt sich ihren «Maka» in verschiedenen Apotheken in Zürich. Manchmal müssten sie einen Ausweis vorlegen, erzählt Silvan. Dann gibt es erst nach einem Monat Wartefrist wieder ein Fläschchen am selben Ort. «Einige Kollegen ziehen deshalb von Apotheke zu Apotheke.» Dort ist das Problem bekannt. «Einige haben gewisse Produkte schon aus dem Sortiment genommen, weil sie verdächtig häufig von Jugendlichen nachgefragt wurden», weiss Kurt von Arx von der Suchtprävention Zürich. Auch in Bahnhof-Apotheke im Hauptbahnhof Zürich bemerkte man die erhöhte Nachfrage und hat reagiert: Seit vergangenem Jahr kostet hier der Bezug des Sirups Makatussin Comp. für Kunden ohne Rezept drei Franken mehr. Der Mehrerlös geht an die Jugendberatung Streetwork. «Wir hoffen, damit den Missbrauch eindämmen zu können», sagt Apothekerin Megy Keller.

Denn der Konsum kann gravierende Folgen haben. «Das Suchtpotential ist hoch. Nimmt man den Stoff nach längerem Konsum nicht mehr zu sich, folgen Entzugserscheinungen wie Schmerzen, Krämpfe und Übelkeit», sagt Christian Kobel, Bereichsleiter der Jugendberatung Streetwork, die das Drogen-Informationsportal Saferparty.ch betreibt. Dort wird gewarnt: Ein Entzug von Codein könne schmerzhafter und länger als ein Heroinentzug sein. Doch bereits ein einmaliger Konsum birgt Risiken. «Wer gleichzeitig Alkohol trinkt, kann im schlimmsten Fall daran sterben», so Kobel. Beide Stoffe wirkten dämpfend auf die Körperfunktionen. Hoch dosiert könnten sie einen Atemstillstand verursachen. Wer die Stoffe über eine längere Dauer zu sich nimmt, dem drohen ausserdem Libidoverlust und Unfruchtbarkeit.

Politikerin fordert Rezeptpflicht

Eine gesetzliche Regelung darüber, wie Apotheker vorgehen sollen, gibt es nicht. «Da das Missbrauchspotenzial solcher Präparate hoch ist, werden entsprechende Nachfragen von Seiten Jugendlicher aber hinterfragt und oft abgelehnt», sagt Stephanie Rohrer vom Schweizer Apothekerverband Pharmasuisse. Für Grossrätin Linder steht fest: «Es braucht eine klare Rezeptpflicht für solche Präparate. Denn die Gefahr einer Abhängigkeit und gefährlicher Nebenwirkungen ist zu gross.» Derselben Meinung ist eine Mitarbeiterin einer Apotheke beim Bahnhof Basel, wo ebenfalls vermehrt Teenager mit angeblichem Husten auftauchen: «Es würde uns die Arbeit vereinfachen, wenn es klare gesetzliche Bestimmungen gäbe.» Aktuell müssten sie bei jedem Kunden selber abschätzen, ob eine Missbrauchsgefahr bestehen könnte. «Das erscheint mir gerade bei Jugendlichen zu riskant.»

Zahlen zum Konsum von «Dirty Sprite» gibt es keine. Suchtfachmann von Arx vermutet, dass besonders sehr junge Jugendliche die Medizin-Mix-Getränke ausprobieren wollen. «Den meisten wird es irgendwann aber zu aufwändig und jene, die sich berauschen wollen, machen dies dann eher mit Alkohol und Cannabis.» Silvan selber hat laut eigenen Angaben nach einmaligem Testen die Finger vom Hustensaft gelassen. «Die Gefahr, abhängig zu werden, ist mir zu gross.»

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