Aktualisiert 11.01.2012 15:30

Franken-Euro«Hildebrand geht, die Untergrenze bleibt»

Was geschieht nach dem Abgang von Hildebrand mit der Wechselkurs-Untergrenze des Franken? Zwar ist dieser etwas stärker geworden, ein Angriff von Spekulanten auf die Untergrenze gilt aber als wenig wahrscheinlich.

von
Thomas Pohl, awp
Kann nach dem Abgang von Philipp Hildebrand die Wechseluntergrenze von 1.20 Franken für einen Euro gehalten werden?

Kann nach dem Abgang von Philipp Hildebrand die Wechseluntergrenze von 1.20 Franken für einen Euro gehalten werden?

Der Abgang des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Philipp Hildebrand, hat zwar in der Öffentlichkeit hohe Wellen geworfen, an den Märkten bisher aber nur beschränkte Auswirkungen gezeigt.

Einen spekulativen Angriff am Devisenmarkt auf die Wechselkurs- Untergrenze zum Euro erachten die meisten Marktbeobachter derzeit als wenig wahrscheinlich. Vom neuen SNB-Führungsgremium wird eine Fortsetzung der bisherigen Geldpolitik erwartet.

«Hildebrand geht, die Untergrenze bleibt», kommentiert etwa die niederländische Bank ING. Dass die meisten Marktteilnehmer nicht mit einer Abkehr der SNB von der bisherigen Politik rechnen, zeigt auch die Entwicklung des Frankenkurses: Zwar hat die Schweizer Währung in den vergangenen Tagen an Stärke zugelegt, ein Euro kostet aber weiter über 1,21 Fr. und damit klar über der von der SNB fixierten Untergrenze von 1,20 Franken.

Für Reto Hünerwadel von UBS Investment Research hat die Stabilität beim Euro/Franken-Wechselkurs mit der breiten Akzeptanz der Untergrenze in der Schweizer Öffentlichkeit zu tun: «Die jüngsten geldpolitischen Entscheidungen sind über die verschiedenen politischen Parteien und die weiteren Anspruchsgruppen hinweg unterstützt worden.»

Das sei auch einer der grossen Unterschiede zwischen der derzeitigen und früheren Wechselkursinterventionen der SNB, erklärte der Ökonom in einem Kommentar.

Hedge Funds im Abseits

Einen Angriff von Spekulanten auf die Untergrenze erachtet auch Alessandro Bee von der Bank Sarasin derzeit als wenig wahrscheinlich: «Hedge Funds und weitere spekulative Anleger haben den Franken in den letzten Monaten eigentlich aufgegeben», meinte der Sarasin-Ökonom im Gespräch.

Immerhin komme es aber auch darauf an, wie lange die Entscheidung über die Nachfolge Hildebrands dauere: «Je früher das Gremium wieder komplett ist, desto besser für die Märkte.»

Etwas weniger Eile geboten sieht ZKB-Ökonom David Marmet, der wie die meisten Beobachter eine Ernennung des bisherigen SNB-Vizepräsidenten Thomas Jordan zum neuen Notenbankchef erwartet.

Da in den kommenden Tagen kaum schwerwiegende Entscheidungen für die Nationalbank anstünden, dürfte die Neubesetzung des Direktoriums seiner Ansicht nach auch etwas länger dauern: «Wichtiger ist es, einen guten Nachfolger zu finden.»

Unterschiede zwischen Hildebrand und Jordan?

Kritischer als die Mehrheit der Marktbeobachter sieht allerdings der UBS-Devisenexperte Beat Siegenthaler den Wechsel an der SNB-Spitze. So gebe es Spekulationen über Jordan, wonach dieser nicht mit voller Überzeugung hinter der Wechselkursuntergrenze stehe, schrieb Siegenthaler in einem Kommentar.

Da Jordan die Inflationsgefahren höher gewichte als sein bisheriger Chef, könnte er bei einem Test durch den Markt etwas weniger entschlossen handeln als sein Vorgänger, mutmasste der UBS-Devisenspezialist. Gleichzeitig könnte er sich auch als zurückhaltender erweisen, wenn es darum gehe, die Wechselkursuntergrenze zu erhöhen.

Positionierung von Kandidaten

In eine ähnliche Kerbe schlägt der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm. Dieser hat Jordan in einem Interview mit dem Finanzportal «Cash» vorgehalten, einer geldpolitischen Schule von «dogmatischen Monetaristen» zu entstammen, welche unter «Inflationsparanoia» leide.

Der frühere SP-Nationalrat deponierte dabei auch die Forderung an die SNB, den Franken «bei der nächsten passenden Gelegenheit» weiter zu schwächen.

Solche Äusserungen dürften auch mit der Nachfolgesuche für den freiwerdenden Sitz im dreiköpfigen Direktorium zusammenhängen. Neben den drei stellvertretenden Mitgliedern des Direktoriums wurde von linken Kreisen der ehemalige Gewerkschafter Serge Gaillard ins Spiel gebracht, ein SVP-Politiker nannte dagegen den Namen des als bankennah geltenden früheren SNB-Direktors Bruno Gehrig.

Als weitere Kandidaten gehandelt wurden auch schon der Seco-Ökonom Aymo Brunetti, der Banker Josef Ackermann und die Wirtschaftsprofessorin Beatrice Weder di Mauro.

Konjunktur entscheidet

Letztlich hängt die Schweizer Geldpolitik nach Ansicht vieler Beobachter aber weniger von Personen als vom wirtschaftlichen Umfeld ab. Derzeit wiesen die jüngsten Konjunkturdaten darauf hin, dass es in der Schweiz wie in der Eurozone zwar zu einer starken wirtschaftlichen Verlangsamung, nicht aber zu einer tiefen Rezession wie nach dem Lehman-Kollaps komme, sagte Sarasin-Experte Bee.

Eine Entspannung in der Eurokrise würde auch den Aufwertungsdruck vom Franken nehmen, so dass Sarasin bis zum Ende des Jahres auch ohne weitere SNB-Massnahmen einen Euro/Franken-Kurs bei 1,28 bis 1,30 Fr. als möglich erachte.

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