Erste Einschätzung: Hildebrands letzter Ausweg

Aktualisiert

Erste EinschätzungHildebrands letzter Ausweg

Philipp Hildebrands Rücktritt war fällig, weil er nicht mehr glaubwürdig die Nationalbank vertreten konnte. Die Nachfolgefrage ist schwierig.

von
Lukas Hässig
SNB-Präsident Hildebrand wirft das Handtuch.

SNB-Präsident Hildebrand wirft das Handtuch.

Vor 100 Stunden wollte Philipp Hildebrand, 48, noch nichts von Rücktritt wissen. An seiner Pressekonferenz vom letzten Donnerstag klammerte er sich an seinen Stuhl, mit Verweis auf das Vertrauen des Bundesrats und des Bankrats.

Jetzt geht er. Offenbar ist das Vertrauen der vorgesetzten Stellen aufgebraucht. Zu viel war passiert, zu gross wurden die Fragezeichen rund um die privaten Devisen-Deals von Hildebrand und seiner Frau Kashya.

Offizielles Bern als grosse Verliererin

Damit sehen viele Involvierte alt aus. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf stärkte Hildebrand in der «Arena» des Schweizer Fernsehens nochmals den Rücken, der Bankrat als Oberaufsicht der Nationalbank sprach dem Notenbank-Chef am Wochenende das Vertrauen aus.

Damit dachten die meisten, dass Hildebrand den Angriff der SVP und der «Weltwoche» fürs Erste überstanden hätte. Dass dem nicht so ist, erwischt viele auf dem linken Fuss.

Für Hildebrand gab es nach den letzten Tagen offenbar keine Zukunft mehr als SNB-Chef. Zu diesem Schluss muss der Notenbank-Präsident übers Wochenende gekommen sein. Er hatte sein Kapital an Glaubwürdigkeit aufgebracht, so seine persönliche Analyse. Ohne dieses Vertrauen der Märkte und der Beobachter konnte er die Institution SNB aber nicht mehr führen.

Gähnende Leere

Die Landesregierung und die SNB-Oberleitung sind gefordert. Sie müssen den charismatischen, international vernetzten Hildebrand ersetzen. Mit SNB-Vize Thomas Jordan wäre zwar ein fähiger Notenbanker zur Stelle. Doch Jordan geht die Eloquenz und das staatsmännische Auftreten Hildebrands ab.

Sonst herrscht gähnende Leere. Man könnte Hildebrand-Vorgänger Jean-Pierre Roth aus der Pensionierung zurückholen. Oder auch Niklaus Blattner, der vor ein paar Jahren als Vize ausgestiegen war.

Ackermann wäre eine Überraschung

Dass man Josef Ackermann von der Deutschen Bank auf den SNB-Chefsessel hievt, käme hingegen überraschend. Ackermann steht für freies Banking möglichst ohne staatliche Kontrollen - das Gegenteil dessen, was die Notenbanken weltweit und die SNB unter Hildebrand und mit Unterstützung von Bern initiiert hatte.

Der Fall Hildebrand reisst nicht nur einen Notenbanker und seine Familie vom Sockel. Ein ganzes Land befindet sich über Nacht im Krisenmodus. Die Affäre wird zur Belastung für die Schweiz.

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