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Doktor Sex«Hilfe, ich bin ein Pantoffelheld geworden!»

Urs ist irritiert, seit er feststellen musste, dass seine Freundin für ihn zu entscheiden beginnt. Was tun, um die Eigenständigkeit zurückzugewinnen?

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Von der Partnerin dominiert zu werden ist unangenehm - und gefährlich. (Symbolbild: Colourbox.com)

Von der Partnerin dominiert zu werden ist unangenehm - und gefährlich. (Symbolbild: Colourbox.com)

Frage von Urs (24) an Doktor Sex: Seit mehr als einem Jahr bin ich glücklich in einer Beziehung. Langsam lichtet sich nun aber der rosarote Schleier der ersten Verliebtheit und ich stelle fest, dass ich zum Pantoffelhelden geworden bin. Anfangs habe ich mich dieser Verantwortungslosigkeit gerne hingegeben, doch mittlerweile beginne ich, meine Selbstständigkeit zu verlieren. Mehr und mehr entscheidet meine Freundin über mich. Auch ihr ist dies schon aufgefallen und sie hat durchschimmern lassen, dass sie sich wieder mehr Durchsetzungskraft von mir wünscht. Wie kann ich ihr sagen oder zeigen, dass ich gerne wieder mehr Zeit für mich hätte, ohne ihre Gefühle nachhaltig zu verletzen. Mir geht es einzig darum, unsere Beziehung zu verbessern und für uns beide eine positive Veränderung herbeizuführen.

Antwort von Doktor Sex

Lieber Urs

Nach einer Phase des Verliebtseins und Turtelns auf Wolke sieben kann die Landung auf dem Boden der Realität ernüchternd sein. Feststellen zu müssen, dass man etwas von seiner Eigenständigkeit verloren hat, ist dabei noch eines der kleineren möglichen Übel, zumal es in der Natur des Verliebtseins liegt, sich eine Zeit lang im Gegenüber quasi aufzulösen. Der Umstand aber, dass sich deine Freundin anschickt, in eurer Beziehung das Zepter zu übernehmen, und für dich zu entscheiden beginnt – möglicherweise weil du sie mit deinem passiven Verhalten dazu verleitest – wiegt ziemlich schwer. Zum Glück habt ihr es beide rechtzeitig gemerkt und seid ihr euch einig darüber, dass das nicht so sein sollte.

Wie du schreibst, hat deine Freundin ja bereits signalisiert, dass sie sich dich anders und, so wie ich das interpretiere, eigenständiger und durchaus auch ein bisschen «männlicher» wünscht. Deine Sorge, du könntest ihre Gefühle nachhaltig verletzen, indem du dir mehr Zeit für dich ganz allein ausbedingst, scheint mir daher unbegründet.

Ich denke, am besten setzt ihr euch zu einer gemeinsamen Standortbestimmung an einen Tisch und haltet Rückschau auf die vergangenen Monate. Würdigt die erste Zeit eures Zusammenseins. Haltet fest, was euch in den letzten Monaten wichtig geworden ist, was ihr davon beibehalten und was ihr loslassen und vergessen wollt. Teilt einander auch mit, welche Visionen, Bedürfnisse und weiterführenden Pläne ihr in Bezug auf euer Leben und eure Beziehung habt. In diesem Zusammenhang könnte es sinnvoll sein, sich der Sache auch aus einer philosophischen Richtung anzunähern: Verständigt euch zum Beispiel über euer Menschenbild, darüber, was euch Gemeinschaft bedeutet, welche Werte ihr vertretet, also was euch wichtig ist im Leben und wofür ihr bedingungslos einstehen wollt. Sprecht miteinander über Begriffe wie Liebe, Treue oder Beziehung und definiert diese für euch. Und legt auch gemeinsam Rahmenbedingungen und Regeln fest, an denen ihr euch im Umgang miteinander und in eurer Beziehung orientieren wollt. Alles andere ergibt sich dann von selbst.

Wichtig ist, dass beide die Möglichkeit haben, sich zu allen Themen in Ruhe zu äussern. Legt deshalb die Inhalte der einzelnen Gespräche und auch den Zeitrahmen eurer «Paarsitzungen» vorgängig fest. So könnt ihr euch nämlich in Ruhe individuell darauf vorbereiten.

Wahrscheinlich wird dieser Prozess einige Zeit in Anspruch nehmen und manche Themen werden mehrmals aufs Tapet kommen müssen, bevor Verstehen oder ein Konsens möglich ist. Vielleicht werdet ihr feststellen, dass zu gewissen Aspekten keine Einigung erzielt werden kann, und möglicherweise gerät ihr in der Auseinandersetzung über einzelne Themen auch in einen Streit. All das gehört dazu und soll euch nicht davon abhalten, euren Dialog weiterzuführen. Meinungsverschiedenheiten gehören zu einer Beziehung, schliesslich begegnen sich darin zwei Menschen mit Ecken und Kanten. Wenn gar nichts mehr geht, unterbrecht ihr das Gespräch und vereinbart einen neuen Termin. Viel Glück!

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