Angriff auf IKRK: Hilfswerke in Afghanistan nicht mehr sicher
Aktualisiert

Angriff auf IKRKHilfswerke in Afghanistan nicht mehr sicher

Selbst die Taliban lobten die Arbeit des Roten Kreuzes in Afghanistan. Nun wurde ein Büro der Organisation angegriffen – ein schlechtes Omen für den Abzug der westlichen Truppen.

von
pbl
Beim Angriff in Dschalalabad wurden auch mehrere IKRK-Fahrzeuge zerstört.

Beim Angriff in Dschalalabad wurden auch mehrere IKRK-Fahrzeuge zerstört.

Seit 1987 ist das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Afghanistan vertreten. Einzelne Mitarbeiter wurden in dieser Zeit Opfer von Gewalt, doch einen Angriff wie jenen vom Mittwoch auf das Büro in der Stadt Dschalalabad gab es noch nie. Zunächst sprengte laut Angaben der Polizei ein Selbstmordattentäter das Eingangstor auf. Dabei wurde ein afghanischer Wachmann getötet. Anschliessend stürmten die Angreifer das Gebäude und lieferten sich ein rund zweistündiges Feuergefecht mit Sicherheitskräften.

Mindestens zwei Angreifer wurden getötet. Die sieben ausländischen Mitarbeiter wurden von der Polizei in Sicherheit gebracht. Der Leiter des Büros wurde leicht verletzt. Bislang hat sich niemand zur Tat bekannt, doch das Muster der Attacke lässt auf die Taliban schliessen. Das IKRK verurteilte in einer Mitteilung den Angriff «auf die schärfst mögliche Weise». Abdul Hassib Rahimi vom IKRK in Kabul zeigte sich gegenüber Radio SRF «schockiert und überrascht». Bislang konnten sich die rund 1800 IKRK-Mitarbeiter in Afghanistan weitgehend frei und ohne Begleitschutz bewegen, weil ihre Arbeit von allen Seiten anerkannt wurde.

Undenkbare Ziele im Fadenkreuz

Das Rote Kreuz verhält sich strikt neutral, Taliban-Kämpfer werden ebenso versorgt wie Zivilisten. Ausserdem versorgt es inhaftierte Angehörige der Taliban mit Nachrichten von ihren Familien, wofür das IKRK von den Radikal-Islamisten vor einem Jahr laut «New York Times» ausdrücklich gelobt wurde. Die Taliban verurteilten damals sogar die Folterung und Tötung von Rotkreuz-Mitarbeitern, weil es sich um eine unparteiische Organisation handle, «die weltweit für notleidende, hilflose und unterdrückte Menschen arbeitet».

Entsprechend besorgt zeigt man sich beim IKRK darüber, dass der Angriff vom Mittwoch in Dschalalabad gezielt erfolgt sein könnte. Für die «New York Times» ist seine Bedeutung eher symbolisch als strategisch: Er zeige, dass selbst ein bislang undenkbares Ziel «ins Fadenkreuz der Taliban» geraten könne. Bereits am letzten Freitag war ein Anschlag auf eine humanitäre Organisation erfolgt: Taliban-Kämpfer hatten die Büros der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die den Vereinten Nationen untersteht, in Kabul angegriffen. Dabei kamen zwei Zivilisten und ein Polizist ums Leben.

Wie stark ist die afghanische Armee?

Die Taliban haben im April eine neue Offensive angekündigt. Westliche und afghanische Offizielle erwarten, dass dieses Jahr das gewalttätigste seit der US-Invasion 2001 werden dürfte. Im Hinblick auf den für 2014 geplanten Abzug der westlichen Kampftruppen wollen die Taliban ihre Macht demonstrieren. Auch Hilfsorganisationen werden offenbar nicht mehr verschont. Damit zielen die Aufständischen auch auf die Psyche des afghanischen Volks und die einheimischen Sicherheitskräfte. Experten bezweifeln, dass die afghanische Armee und die Polizei in der Lage sind, die Sicherheit im Land zu gewährleisten.

Immerhin gelang den Sicherheitskräften ebenfalls am Mittwoch in der nordöstlich von Kabul gelegenen Provinz Pandschir ein Erfolg: Sie konnten einen Angriff von sechs Selbstmordattentätern auf das Büro des Provinzgouverneurs abwehren. Nur einem der Attentäter gelang es, sich in die Luft zu sprengen. Die übrigen wurden getötet, ausserdem kam ein Polizist ums Leben. Auch das IKRK will sich nicht einschüchtern lassen: «Wir haben uns verpflichtet jenen zu helfen, die vom Konflikt betroffen sind. Das werden wir auch in Zukunft tun», sagte Abdul Hassib Rashimi vom Büro in Kabul zu Radio SRF. (pbl/sda)

Büro geschlossen

Nach dem tödlichen Anschlag auf das Büro in Dschalalabad stellt das IKRK seine dortigen Aktivitäten vorübergehend ein. Ein Sprecher bestätigte am Donnerstagabend einen entsprechenden Bericht der Sendung «19h30» des Westschweizer Fernsehens RTS. «Wir versuchen zu verstehen, was passiert ist. Unser gesamtes Engagement in Afghanistan ist davon betroffen», sagte Philippe Stoll der Nachrichtenagentur sda: «Derzeit haben wir keinerlei Gewissheit über die Urheber des Angriffs.» Das Büro vor Ort, welches zur Hälfte zerstört wurde, sei jetzt geschlossen, fügte er hinzu. Die sechs ausländischen Mitarbeiter seien nach Kabul verlegt worden, die lokalen Mitarbeiter würden vorläufig zu Hause bleiben.

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