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Schweizer BergbahnenHilft amerikanisches Anstehen gegen Chaos am Skilift?

Mit einem Reissverschlusssystem will der Belalp-Chef das Anstehen bei den Bergbahnen weniger stressig und in Covid-Zeiten vor allem auch sicherer gestalten. Abgeschaut hat er das Konzept in Nordamerika, im Alpenraum sieht er sich als Pionier.

von
Raphael Knecht
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In Reih und Glied anstehen – so sollen die Skifahrer künftig auch auf die Belalp-Bahn warten.

In Reih und Glied anstehen – so sollen die Skifahrer künftig auch auf die Belalp-Bahn warten.

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In vielen Schweizer Skigebieten wird trichterförmig angestanden.

In vielen Schweizer Skigebieten wird trichterförmig angestanden.

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Dass die Wintersportler hierzulande in Trichterform vor dem Drehkreuz warten, nennt Belalp-Bahnen-Chef Urs Zenhäusern «ein chaotisches Anstehsystem».

Dass die Wintersportler hierzulande in Trichterform vor dem Drehkreuz warten, nennt Belalp-Bahnen-Chef Urs Zenhäusern «ein chaotisches Anstehsystem».

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Darum gehts

  • Vor den Belalp-Bahnen solls künftig Zweierkolonnen statt Menschenmassen geben.

  • Das System hat der Bahnchef in Nordamerika abgeschaut.

  • Gerade wegen der Pandemie könnte die Umstellung gelingen.

  • Andere Skigebiete sind nicht vom System überzeugt.

Menschenmassen, Gedrängel, zerkratzte Ski: In Schweizer Skigebieten kann das Anstehen vor dem Sessellift ganz schön stressig sein. Dass die Wintersportler hierzulande in Trichterform vor dem Drehkreuz warten, nennt Belalp-Bahnen-Chef Urs Zenhäusern «ein chaotisches Anstehsystem». Dabei gebe es einen wesentlich angenehmeren Weg.

Diesen Winter führt Zenhäusern in seinem Skigebiet ein Konzept ein, das er bei den nordamerikanischen Destinationen abgeschaut hat: Die Skifahrer bilden zwei Zweierkolonnen, die beim Drehkreuz nach dem Reissverschlussprinzip zusammenfliessen. Die Kolonnen werden mit Bändern abgegrenzt. Der Bahndirektor hofft, dass das Anstehen so weniger stressig wird.

Dieses Konzept sind sich die Wintertouristen in den USA und Kanada bereits gewohnt. Zenhäusern, der seit September CEO der Belalp-Bahnen ist, hat das vor über zehn Jahren entdeckt: «Ich war damals dermassen davon fasziniert, dass ich mir schwor, dieses System zu prüfen, falls ich mal eine Bergbahn führe.»

Dass sich in Schweizer Skigebieten beim Anstehen grosse Trauben bilden, hat bei ausländischen Touristen in der Vergangenheit bereits für Unverständnis gesorgt. Sogar die ehemalige US-Botschafterin Suzi LeVine ärgerte sich 2015 auf Social Media über die «Ineffizienz» und das «Chaos» an Schweizer Skiliften.

Coronavirus

So werden die Wintersportler geschützt

Die Seilbahnbetreiber haben für die Pandemie jeweils ein eigenes, betriebsspezifisches Schutzkonzept erarbeitet. In den meisten Fällen lehnen sich diese Konzepte an diejenigen im öffentlichen Verkehr an. So sieht es bei den Belalp-Bahnen aus:

  • Händewaschen und -desinfektion beim Betreten der Transportanlagen

  • Bodenmarkierungen und Absperrungen zum Einhalten des Abstands von 1,5 Metern

  • Maskenpflicht auch in Sesselbahnen, Skiliften und Stationen (Halsschläuche erlaubt)

  • Bei Gruppen und Familien soll nur eine Person zur Kasse

  • Beschränkte, elektronische Billettkontrolle

  • Häufige Reinigung und Desinfektion von Türgriffen, Liftknöpfen, Treppengeländern, WCs etc.

Zenhäusern sieht sich im Alpenraum als Pionier und kann nicht nachvollziehen, dass andere Skigebiete das nordamerikanische Konzept bisher nicht kopieren. Tourismus-Professor Thorsten Merkle von der Fachhochschule Graubünden sagt zu 20 Minuten, das selbstregulierende System in der Schweiz habe bisher die Anforderungen gut erfüllt: «Es gab bisher schlicht keinen Bedarf für eine Gästelenkung in diesem Stil.»

Gerade wegen der Pandemie könnte es nun aber einen solchen Bedarf geben, denn das System werde auch helfen, die Distanz zwischen den Gästen einzuhalten, so Zenhäusern. Auch wenn er das Konzept nicht nur wegen Covid-19 einführt, ist er überzeugt, dass jetzt der ideale Moment dafür ist: «Da wird kaum jemand motzen.»

Auch Merkle glaubt, dass Schneesportler wegen der Pandemie eher bereit sein werden, die neuen Regeln zu akzeptieren. Grundsätzlich sei es aber schwierig, Gästen das alte System abzugewöhnen. Es werde eine aktive Lenkung brauchen, etwa durch visuelle Kommunikation – anfangs müssten darum auch Bahnangestellte mithelfen.

Weniger Gäste statt Besucherlenkung

Nicht alle Bergbahnen sind von dem Kolonnenkonzept so überzeugt wie der Walliser Bahndirektor. Urs Kessler von den Jungfraubahnen sagt zu 20 Minuten: «Das amerikanische System ist eines von vielen.» Sein Skigebiet setze lieber auf eine Limitierung der Skifahrer-Zahl auf 17’800 an Spitzentagen. Für die Gäste erhöhe das die Qualität des Besuchs. Dank der hohen Kapazität der neuen V-Bahn rechnet Kessler ab dem 5. Dezember kaum mehr mit Warteschlangen.

Im Januar besuchte 20 Minuten den Chef der Jungfraubahnen in seiner neuen Gondelbahn, die Teil des V-Bahn-Projekts ist.

20 Minuten

Bei den Arosa Bergbahnen heisst es, das Anstehen in solchen Kolonnen sei zwar das Ziel im Skigebiet. «Leider ist dies nicht überall möglich, da die Platzkapazität beschränkt ist oder die Anstehkolonne dann ein Sicherheitsrisiko für unsere Gäste auf der Piste darstellen könnte», sagt Head of Guest Relations Stefan Reichmuth zu 20 Minuten.

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775 Kommentare
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Herr Büenli Live im Coop

17.11.2020, 11:32

Schnell alle zu Coop. WC-Papier Aktion. da.

Grant

17.11.2020, 10:13

Theorethisch wär heute ein schöner Tag zum Skifahren. Theorethisch, weil ich wie fast alle auch arbeiten muss unter der Woche. Und Frei nehmen kommt für meinen Chef nicht in frage, er meint, er brauche mich dringend heute

lisa

17.11.2020, 10:00

skifahren ist mein hobby, mit helm und anstand auf der piste. ich find's traurig, dass es so lange gebraucht hat - dieses system kenne ich seit über 30 jahren aus keystone und es ist einfach genial. es hatte so viel mehr leute beim Skilift aber nie ein gedränge. viele Skifahrer sind raudis in jeder Beziehung und missachten jede Möglichkeit die das pistenpersonal anbieten damits angenehmer und rasche vorwärts gehen könnte. danke dem ski-personal und seit ein bisschen härter und greifft durch, die Mehrheit dankt euch.