07.07.2020 16:01

Epo

Hilft das bekannteste Dopingmittel bei Covid-19?

Erythropoetin, kurz Epo, hat einen zwiespältigen Ruf. Doch das Hormon kann möglicherweise schwere Covid-19-Verläufe abschwächen und die Erkrankten vor neurologischen Spätfolgen schützen.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Das vor allem als Dopingmittel bekannte Epo könnte auf dreifache Weise gegen Covid-19 helfen.
  • Erste Studien deuten darauf hin, dass es schwere Verläufe mildern kann.
  • Es besteht auch die Hoffnung, dass das Hormon vor Spätfolgen schützen kann.
  • Auch erkrankte Sportler könnten sich mit Epo behandeln lassen, sagt Epo-Experte Max Gassmann.

Die meisten Menschen dürften bei der Erwähnung von Epo vor allem an Doping im Profisport denken. Anders Fachleute: Sie wissen, dass das Wachstumshormon, das mit vollem Namen Erythropoetin heisst, auch natürlich im Körper vorkommt und bei Sauerstoffmangel ausgeschüttet wird. Dadurch wird die Sauerstoffversorgung von Gehirn und Muskeln verbessert.

Ausdauersportlern verhilft das zu mehr Leistung, weshalb einige von ihnen unerlaubt zu künstlich hergestelltem Epo greifen.

Doch das ist noch nicht alles, wie Epo-Experte Max Gassmann von der Universität Zürich sagt: «Das Hormon hat auch sehr viele schützende Eigenschaften.» So halte es zum Beispiel Zellen im ganzen Körper vom Absterben ab, darunter Knochen- und Immunzellen. «Das könnte sich bei der Therapie von schwer erkrankten Covid-19-Patienten auszahlen», so Gassmann.

Zwei Fälle, die für Epo sprechen

Ende März wurde ein Patient mit schweren Covid-19-Symptomen in ein iranisches Spital eingeliefert. Da er zudem schlechte Blutwerte hatte, verschrieben die Ärzte auch den blutbildenden Wachstumsfaktor Epo. Sieben Tage nach Beginn der Behandlung konnte der Patient das Spital wieder verlassen.

Ein weiterer Hinweis auf eine schützende Rolle von Epo bei Covid-19 kommt aus Südamerika. Dort sind schwere Erkrankungen in höhergelegenen Regionen seltener als im Flachland – möglicherweise, weil Menschen in Höhenlagen mehr Epo bilden, daher mehr rote Blutkörperchen besitzen und somit besser an Sauerstoffmangel angepasst sind. Ob tatsächlich Epo dafür verantwortlich ist, ist unklar. Das soll die von den MPG-Forschern geplante Studie zeigen.

Gleich mehrere Ansatzpunkte

Dieser Meinung sind auch Forscher vom Max-Planck-Institut (MPI) für experimentelle Medizin in Göttingen. Sie wollen nun in einer klinischen Studie prüfen, ob mithilfe von Epo Covid-19-Patienten sogar vor schweren Verläufen und neurologischen Spätfolgen bewahrt werden können, wie es in einer Mitteilung heisst.

Das Team um Medizinerin Hannelore Ehrenreich sieht gleich mehrere Ansatzpunkte für eine Therapie mit Epo:

Verbesserung der Atmung

So gibt es Hinweise darauf, dass Epo auf Bereiche in Hirnstamm und Rückenmark wirkt, die die Atmung kontrollieren. Als Folge verbessert sich die Atmung bei Sauerstoffmangel. Zudem haben Tierversuche gezeigt, dass Epo durch seine antientzündliche Wirkung Lungenzellen vor Schäden schützen und Lungenödeme verhindern kann.

Entzündungshemmend

Epo wirkt entzündungshemmend auf Immunzellen und könnte so die häufig überschiessende Immunantwort, den sogenannte Cytokinsturm, bei Covid-19-Patienten abschwächen. Dabei schütten die mit Sars-CoV-2 infizierten Zellen und Gewebe enorme Mengen an entzündungsfördernden Botenstoffen aus, die im schlimmsten Fall zu einem Kollaps des gesamten Körpers führen.

Schutz des Nervensystems

Weiter, so vermuten Ehrenreich und ihre Kollegen, könnte Epo vor neurologischen Symptomen und Spätfolgen der Erkrankung schützen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Ausfälle des Geschmacks- und Geruchsinns sowie Krampfanfälle, Lähmungen und Schlaganfälle. Hinweise darauf hat unter anderem das Team um Gassmann in Hinsicht auf Hirninfarkte gezeigt.

Richtige Dosierung ist wichtig

Doch Epo habe nicht nur positive Eigenschaften, erklärt Gassmann. Die Risiken zeigten sich vor allem dann, wenn es in grossen Mengen und über einen langen Zeitraum verabreicht wird.

«Die Gefahr für Thrombosen steigt», so Gassmann. «Denn wenn es zu viele rote Blutkörperchen hat, wird das Blut dickflüssiger.» Sogar ein Hirninfarkt könnte daraus resultieren. «Darum muss man da sehr vorsichtig vorgehen», erklärt der Experte. Dies vor allem, da Thrombosen eine mögliche Folge einer Infektion mit Sars-CoV-2 sind, wie Frank Ruschitzka,  Leiter des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Zürich (USZ), nachgewiesen hat. Dessen seien sich die Göttinger Kollegen aber bewusst, wie ihre Unterlagen zeigten.

Max Gassmann ist Direktor des Instituts für Veterinärphysiologie, der Vetsuisse-Fakultät, an der Universität Zürich.

Max Gassmann ist Direktor des Instituts für Veterinärphysiologie, der Vetsuisse-Fakultät, an der Universität Zürich.

ZVG

Auch für Sportler denkbar

Doch angenommen, die Möglichkeit einer Therapie mit Epo würde in der Studie bestätigt: Wie sieht es mit Spitzensportlern aus, die sich mit dem neuartigen Coronavirus infizieren? Müssten sie ihre Karriere nach einer Behandlung an den Nagel hängen?

«Nein», sagt der Zürcher Epo-Experte. Sie müssten noch nicht einmal gesperrt werden. «Wer so schwer an Covid-19 erkrankt, dass er das Hormon verabreicht bekommen muss, braucht sowieso mehrere Wochen, bis er sich erholt hat.» Und das Epo, das man dann spritzt, wird innert Tagen abgebaut, und die Lebenszeit von roten Blutkörperchen beträgt maximal 120 Tagen.

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8 Kommentare
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Beobachter2019

07.07.2020, 17:43

Mal ein Lichtblick für Lungentransplantierte die "Epo" häufig als Nachbehandlung verabreicht bekommen.

Doper Stern

07.07.2020, 17:32

Sportler finden immer Ärzte, die ihnen passende Mittel verschreiben und dann dürfen sie alles nehmen, einfach teils nicht an Wettkämpfen teilnehmen, aber den Trainingsumfang massiv erhöhen, wie es eben ohne nicht möglich wäre. Dank des massiven Mehrtrainings sind sie dann das entscheidende Mü besser.

F.W.

07.07.2020, 17:11

Jetzt einfach aufpassen, sonst lässt sich ein gewisser Herr Trump prophylaktisch mit EPO anstelle des bisherigen Medikamentes behandeln. Was die Resultate angeht wäre ich vorsichtig, denn so schön das tönt am Ziel sind wir noch lange nicht