Aktualisiert 07.01.2008 09:51

Hillary mit Charme und Zorn gegen Obama

Sie kämpft, sie greift an, sie kokettiert: «Das verletzt meine Gefühle... Aber ich versuche halt, weiterzumachen», sagt sie mit weit geöffneten Augen und gespieltem Klein-Mädchen-Lächeln. Es ist ein riskanter Strategiewechsel, der hinter Clintons Auftritt steht.

Dann aber beendet Senatorin Hillary Clinton rasch ihre charmante Schauspieleinlage, die selbst ihre Konkurrenten bei der Fernsehdebatte der Demokraten in New Hampshire zum Lachen bringt.

Auch sie halte Barack Obama für einen sehr sympathischen Mann, bestätigt sie souverän lächelnd den TV-Moderator. Dieser hatte auf Umfragen verwiesen, denen zufolge der Senator als Illinois emotional besser bei den Wählern ankomme als die ehemalige First Lady.

Für die blonde Eminenz der Demokraten geht es um alles. Clintons sorgsam inszenierte Aura als Favoritin für die US-Präsidentschaft wird seit der Niederlage gegen Obama bei der Vorwahl in Iowa mit jedem Tag blasser. Am Dienstag muss sie in New Hampshire siegen, sonst könnte ihr Traum vom Wiedereinzug ins Weisse Haus platzen.

Am Samstagabend also nun gibt die 60-Jährige im Auditorium des St. Anselm-Colleges ihre staatsmännisch-gelassene Pose auf und geht zum Angriff über. Die Senatorin wirkt so, als hake sie im Kopf Obamas politisches Sündenregister Punkt für Punkt ab.

So hat das Fernsehpublikum sie im guten Dutzend vorangegangener TV-Debatten nicht erlebt. Nie zuvor hatte sie Obama direkt angegriffen.

Clinton und Obama in neuen Rollen

Nun, da es ernst wird, plötzlich der Rollentausch: Obama straht die selbstbewusste Ruhe des Favoriten aus, Clinton übt sich im Wadenbeissen. «Worte sind noch keine Taten, wie schön und leidenschaftlich sie auch präsentiert werden», hält sie dem Redetalent Obama entgegen.

«Worte können inspirieren», erwidert dieser. «Unterschätzen Sie nicht die Macht der Worte.» Obama liess Clinton kühl auflaufen: «Ich habe keine Probleme damit, wenn Sie politische Unterschiede zwischen uns aufzeigen.»

Mitbewerber John Edwards verwies in der TV-Debatte süffisant auf Clintons neuen Stil: «Solche Attacken haben wir von Senatorin Clinton nicht gehört, als sie noch in den Umfragen vorne lag.»

Aussenseiterkandidat Bill Richardson, ein Diplomat mit weltweiter Krisenerfahrung, befand: «Ich habe schon an Geiselverhandlungen teilgenommen, an denen es ziviler zuging als heute.

Clinton muss sich auch gegen den Vorwurf wehren, sie sei die Kandidatin des politischen «Status quo» und nicht des ersehnten Wandels. «Ich trete an mit der Erfahrung von 35 Jahren, Wandel bewirkt zu haben... Ich personifiziere den Wandel», sagte sie scharf und mit erhobenem Zeigefinger.

Riskanter Strategiewechsel

Es war ein riskanter Strategiewechsel, der hinter Clintons Auftritt stand. Ihre kalkulierte Konfrontation mit Obama könnte die Wähler an all das erinnern, was sie an ihr nicht mögen: das Machtkalkül, das als kalt empfundene Auftreten, die ätzenden politischen Auseinandersetzungen in der Regierungszeit ihres Mannes Bill.

Obama dagegen ist im Hoch, obwohl seine Schwächen auch bei der TV-Debatte deutlich wurden. Der 46-Jährige wirkt bei Sachfragen längst nicht so beschlagen und brillant wie beim wortgewaltigen Entwerfen einer Vision für einen amerikanischen Neuanfang. (sda)

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