Aktualisiert 25.08.2015 13:29

E-Mail-SkandalHillarys Abstieg gewinnt an Fahrt

Viele US-Demokraten schauen auf Vize Joe Biden. Denn Hillary Clinton wird ihrer Favoritenrolle wegen des E-Mail-Skandals nicht mehr gerecht.

von
Martin Suter
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Eine schlechte Vorstellung vor der Presse am 18. August 2015 unterstrich die Verletzlichkeit der führenden Demokratin im US-Präsidentschaftsrennen, Ex-Aussenministerin Hillary Clinton.

Eine schlechte Vorstellung vor der Presse am 18. August 2015 unterstrich die Verletzlichkeit der führenden Demokratin im US-Präsidentschaftsrennen, Ex-Aussenministerin Hillary Clinton.

Screenshot ABC News
Clinton war abwehrend, sprach wie eine Anwältin und verweigerte eine Antwort auf die Frage, ob sie die Festplatte ihres privaten E-Mail-Servers löschen liess.

Clinton war abwehrend, sprach wie eine Anwältin und verweigerte eine Antwort auf die Frage, ob sie die Festplatte ihres privaten E-Mail-Servers löschen liess.

AP/John Locher
Trotzdem greifen die Rivalen im demokratischen Vorwahlkampf die Spitzenreiterin Clinton nicht an. Weder der sozialistische Senator Bernie Sanders ...

Trotzdem greifen die Rivalen im demokratischen Vorwahlkampf die Spitzenreiterin Clinton nicht an. Weder der sozialistische Senator Bernie Sanders ...

AP/L.e. Baskow

Hillary Clinton wollte auf New Yorks Long Island ausspannen. Doch nun unterbricht Amerikas Ex-Aussenministerin ihre Ferien in einer Strandvilla, die pro Woche 50'000 Dollar kostet. In einer Notaktion besucht die führende demokratische Präsidentschaftskandidatin stattdessen den umkämpften Gliedstaat Ohio, um ihrem Wahlkampf neuen Schwung zu verleihen.

Der Unterbruch kommt, während die Medien über eine mögliche Kandidatur des US-Vizepräsidenten spekulieren. «Joe Biden neigt dazu, sich 2016 zu bewerben», titelte das «Wall Street Journal» am Montag. Am Wochenende hatte sich Biden in Washington überraschend mit Elizabeth Warren getroffen. Plant die in der demokratischen Partei populäre Senatorin aus Massachusetts, Biden als Vize-Kandidatin zur Seite zu stehen?

Diese Spekulationen rund um Biden als Retter spiegelt eine Schwäche, die Hillary vor ihrer Abreise in die Ferien erneut unter Beweis stellte. In Nevada liess sie sich vergangene Woche zu ihren E-Mail-Praktiken befragen. Doch der Ausgang dieser Befragung sollte ihr den Aufenthalt in den Hamptons gründlich versauern.

So beurteilte die Presse den Auftritt der 67-jährigen Politikerin einhellig als katastrophal: Der Kolumnist Chris Cillizza zählte in der «Washington Post» fünf Fehler Hillarys auf: Sie habe wie eine Anwältin geklungen, ihren privaten E-Mail-Server als etwas Normales beschrieben, sich gegenüber Kritikern abschätzig geäussert, generell sarkastisch gewirkt – und sie sei falsch gelegen. Cillizza liess nur ein Detail des verkorksten Auftrittes aus: Clintons unvorteilhafter Hosenanzug leuchtete orange wie ein Häftlings-Overall.

Faktor Angst

Die Unfähigkeit der Kandidatin, den Skandal abzuschütteln, beginnt ihre Anhänger zu irritieren. «Es gibt klar Bedenken» unter Clintons Spendern, räumte David Brock gegenüber «Politico» ein. Der Medienexperte und alte Clinton-Freund orchestriert jeweils Schnellreaktionen auf unvorteilhafte Nachrichten. Er wirft demokratischen Meinungsmachern Zaghaftigkeit vor. «Sie sind mehr daran interessiert, gegenüber ihren Medienkollegen vernünftig zu wirken, anstatt den Kampf zu gewinnen.»

Vielleicht haben Hillarys Bundesgenossen auch einfach Angst. Ex-Präsident Bill Clinton und seine Frau haben in ihren Jahren im Weissen Haus ein schlagkräftiges politisches Verteidigerteam aufgebaut und viele gewichtige Gönner für sich gewonnen, von denen sie heute noch profitieren.

Wehe dem, der nicht spurt

Seit ihrem gescheiterten Primärwahlkampf von 2008 führt Hillary zudem eine «Feindesliste» von Politikern, die damals ihren Rivalen Barack Obama unterstützten. Nach dem Anfang 2014 veröffentlichten Buch «HRC» erhielten demokratische Politiker Noten zwischen «1» für treue Freunde bis «7» für Verräter. Clinton-Mitarbeiter hätten über das Schicksal von Abtrünnigen Witze gerissen. Laut dem Buch zählte ein Mitarbeiter – halb im Scherz – eine Reihe prominenter Demokraten auf: «Bill Richardson: untersucht; John Edwards: durch Skandal beschämt; Chris Dodd: zurückgetreten.» Und dann, nach einer Kunstpause: «Ted Kennedy: tot.»

Die politischen Probleme dieser bekannten früheren Minister und Senatoren könnten womöglich auch aktuelle Politiker ereilen. Vielleicht ist das ein Grund, warum Hillary Clintons demokratische Rivalen kaum ein Sterbenswörtchen über den E-Mail-Skandal und die verlorene Glaubwürdigkeit der Kandidatin verlieren. Senator Bernie Sanders weigert sich, darüber zu sprechen, ebenso Ex-Senator Jim Webb. Bloss der weit abgeschlagene Ex-Gouverneur Martin O'Malley wagte es am Sonntag zu sagen, Hillary müsse bezüglich des E-Mail-Servers «legitime Fragen» beantworten.

Ihr Zuspruch schwindet

Das Zögern der Rivalen, dem mächtigen Clinton-Clan ins Gehege zu kommen, könnte bald ein Ende finden. Hillarys Unantastbarkeit ist eine Folge ihres einst grossen Vorsprungs in allen Umfragen. Und der schmilzt laufend dahin. Laut CNN hat ihr Zuspruch in der demokratischen Wählerschaft seit Juli neun Prozentpunkte verloren und liegt jetzt unter 50 Prozent. In der gleichen Zeit stieg Bernie Sanders um zehn Punkte auf 29 Prozent.

Bereits sind Stimmen zu hören, die Hillary Clintons Kampagne ein vorzeitiges Ende voraussagen. Sollte sich das konkret abzeichnen, stünde wohl ein Ersatz bereit: Joe Biden.

Clinton wehrt Fragen nach dem privaten E-Mail-Server ab:

(Quelle: YouTube/Rising Response)

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