Doppel-Interview: «Himmel, dann bringt doch diesen Embolo!»
Aktualisiert

Doppel-Interview«Himmel, dann bringt doch diesen Embolo!»

Marco Streller schaut auf eine lange Karriere zurück und tritt als «König von Basel» ab. Breel Embolo wird als Kronprinz gehandelt.

von
Eva Tedesco
1 / 4
Marco Streller und Breel Embolo - das hat vom ersten Tag an gepasst. Der 33-jährige Routinier hat den  18-jährigen Youngster unter seine Fittiche genommen.

Marco Streller und Breel Embolo - das hat vom ersten Tag an gepasst. Der 33-jährige Routinier hat den 18-jährigen Youngster unter seine Fittiche genommen.

ete
Die Basler Marco Streller, Breel Embolo und Matias Delgado feiern die sechste Meisterschaft in Folge für den FCB.

Die Basler Marco Streller, Breel Embolo und Matias Delgado feiern die sechste Meisterschaft in Folge für den FCB.

Valeriano di Domenico
«Breel hat das Zeug, ein Weltklassestürmer zu werden», sagt Streller über seinen jungen Nachfolger beim FCB.

«Breel hat das Zeug, ein Weltklassestürmer zu werden», sagt Streller über seinen jungen Nachfolger beim FCB.

Paolo Foschini

Marco Streller, Breel Embolo – was unterscheidet einen Durchschnittsstürmer von einem Weltklassestürmer?

Streller: Ein Stürmer wird heutzutage nicht mehr allein an Toren gemessen. Ein Mittelstürmer muss schnell und technisch stark sein, also eigentlich alles, was Breel ist (lacht).

Embolo: Ein Klassestürmer muss defensiv mitarbeiten und das Spiel lesen können. Aber die klassische Neun stirbt allmählich aus. Den klassischen Stürmer, der im Strafraum auf die Bälle wartet, den gibt es nicht mehr.

Wer ist aktuell der beste Stürmer der Welt?

Embolo: Lionel Messi.

Streller: Der beste komplette Mittelstürmer ist für mich Zlatan Ibrahimovic. Als Trio die drei Offensiven, die bei Barcelona zusammenspielen. Was die machen, ist der pure Wahnsinn.

Kann man das Toreschiessen trainieren oder nur Laufwege und Spielzüge?

Embolo: Um ein Tor zu erzielen, muss man überhaupt erst vor das Tor kommen – das kann man trainieren. Man kann daran arbeiten, im Abschluss ruhiger und kaltblütiger zu werden.

Streller: Es gibt Übungen, in denen man unter Druck versucht, möglichst schnell abzuschliessen. Ich habe zum Beispiel beim Flankentraining immer versucht, möglichst direkt zu schiessen, statt den Ball anzunehmen. Das muss ein fliessender Ablauf sein, und Abläufe kann man trainieren. Ich glaube, dass Breel mit seiner Geschwindigkeit und Dynamik schneller zu Toren kommt als ich.

Was ist das Schwierigste am Toreschiessen?

Embolo: Den richtigen Entscheid zu treffen, und das so schnell wie möglich. Man sagt, der erste Gedanke sei der beste, und das ist so.

Streller: Du musst mit dem einen Gedanken in den Strafraum gehen und so schnell wie möglich den Abschluss suchen. Es ist immer schlecht, zwei Ideen zu haben.

Meister-Song Teaser

Visualisiert ein Stürmer den Abschluss?

Streller: Ich arbeite seit Jahren mit einem Sportpsychologen. Es gibt tatsächlich Abläufe, die man gedanklich abruft und visualisiert. Zudem kann man trainieren, dass der Puls nicht hoch geht und man ruhig bleibt vor dem Tor.

Embolo: Wir haben im Juniorenbereich auch mit einem Mentaltrainer gearbeitet, um in Situationen unter Druck ruhig zu bleiben. Das hilft. Wir mussten uns vorstellen, wie wir reagieren, wenn wir vor 60'000 Zuschauern in der Champions League spielen würden. Ich habe immer behauptet «genau gleich» – nur hat man mir das damals nicht geglaubt (lacht).

Das berühmte Näschen für Tore – hat man es oder kann man das entwickeln?

Streller: Ich habe meine Tore gemacht, aber ich habe mich auch als Vorlagengeber ausgezeichnet. Ich habe das «Näsli», nur nicht so ausgeprägt, wie es zum Beispiel Alex Frei hatte. Er machte seine Laufwege immer fertig. Das war beeindruckend. Aber ich bin auch ein anderer Spielertyp und deshalb haben wir uns so gut ergänzt. Breel ist noch einmal ein anderer Spielertyp. Mit seiner Schnelligkeit, seiner Dynamik und Technik erarbeitet er sich Chancen fast im Alleingang.

Was macht einen Stürmer extrem sauer?

Embolo: Wenn man die einfachsten Chancen vergibt. Das ist das Schlimmste.

Kann das einen Stürmer knicken?

Streller: Da zeigt es sich, ob ein Stürmer Qualität hat. Das beste Beispiel sitzt ja neben mir. Ich erinnere an das Spiel in Aarau, als Breel das leere Tor nicht getroffen hat. Er wäre am liebsten im Erdboden versunken und haut keine fünf Minuten später den Ball satt in den Winkel. In solchen Fällen denkst du in der Nacht ein paar Mal an die Szene zurück. Allerdings kann man besser damit leben, wenn man als Sieger vom Platz geht.

Und, haben Sie noch daran gedacht, Breel Embolo?

Embolo: Ja ... (schluckt schwer)

Streller: Ausserdem haben wir es ihm am nächsten Tag auch noch ein paar Mal unter die Nase gerieben, damit er es nicht vergisst (lacht).

Wer war bisher der unangenehmste Gegenspieler?

Embolo: Michael Dingsdag, aber als Innenverteidiger.

Streller: Ich spiele nicht so gerne gegen Milan Vilotic und Sions Birama Ndoye. Der ist eine Maschine. An ihm kommt man fast nicht vorbei. Aber wir haben mit Walter Samuel und Marek Suchy auch zwei Wände im Abwehrzentrum. Wenn du dich im Training gegen die beiden durchsetzen kannst, setzt du dich gegen alle anderen auch durch.

Wie geht man mit Phasen um, in denen man – Zitat Streller – «kein Hochhaus» trifft?

Streller: Man muss es einfach akzeptieren, weil es keinen Stürmer auf dieser Welt gibt, der das nicht erlebt oder schon erlebt hat. Man darf nur nicht verzweifeln. Und auch wenn es blöd tönt: Es kommt wieder ein Highlight und eine Phase, in der es läuft. Wichtig ist, dass man solche Phasen akzeptiert und dass man akzeptiert, dass es keine Erklärung dafür gibt, warum jeder Schuss sitzt oder warum man kein Hochhaus trifft.

Embolo: Ich hatte zu Beginn der Rückrunde eine solche Phase, aber ich habe mir nicht zu viele Gedanken darüber gemacht. Ich habe einfach versucht, für die Mannschaft zu arbeiten, Pässe und Vorlagen zu spielen.

Was für Tipps gibt man am Karriere-Ende als Routinier einem Jungen mit, der am Anfang seiner Laufbahn steht?

Streller: In erster Linie gibt man Erfahrungen weiter. Ich bin schon nach einem halben Jahr beim FC Basel ins Ausland gegangen – das war zu früh. Wenn ich das sage, glaubt man mir das deshalb eher. Oft löst Breel den Angriff aus, rückt dann aber nicht bis in den Strafraum vor. Dann rufe ich ihm das zu. Er würde dann sicher noch mehr Tore erzielen. Aber vielleicht kann ich ihm das ja in ein, zwei Jahren als Stürmertrainer beibringen. Breel bringt alle Fähigkeiten mit, um ein Weltklassestürmer zu werden.

Stürmertrainer beim FCB: Wäre das eine Aufgabe für Sie, Marco Streller?

Streller: Es ist schon so, dass immer mehr spezifisch gearbeitet wird. Davor Suker hat mir einmal einen Tipp gegeben, den ich ein paar Mal angewendet und Tore geschossen habe. Den Tipp verrate ich jetzt hier nicht, aber bevor ich aufhöre, werde ich ihn sicher noch an Breel weitergeben (lacht). Stürmertrainer sein, würde mir Spass machen.

Wo und wann war der erste Kontakt Streller/Embolo? Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Embolo: Mein erster Gedanke? «Mein Gott, der ist ja gar nicht so schlimm, wie ich mir gedacht habe.» Nach einer Woche hat sich alles natürlich und normal angefühlt. Das ist so ein Vertrauensding. Marco hat es mir so einfach gemacht, dass ich nach drei, vier Tagen mit ihm reden konnte, ohne riesig nervös zu sein.

Streller: Ich habe immer wieder gehört, dass da beim FCB ein Riesentalent heranreift. Einmal hab ich dann gesagt: «Ja Himmel, dann bringt doch diesen Breel Embolo!» Gekommen ist dann ein sonniges Gemüt, ein Junge mit einem fröhlichen Lachen und offenem Wesen. Wir haben ihm den ersten Ball gespielt und es war klar: Okay, der Junge hat es drauf! Das war wie bei Rakitic, Xhaka oder Shaqiri – du merkst sofort, dass da einer ist, der sich dem Niveau schnell anpassen kann.

Werden Sie Embolo Ihre Telefonnummer für die Zukunft ans Herz legen, wenn er Rat braucht?

Streller: Definitiv! Ich werde sicher nicht nach jedem Spiel aktiv und ihm sagen, was er gut oder schlecht gemacht hat. Aber wir werden per SMS in Kontakt bleiben – das sind wir auch jetzt schon, wenn wir uns drei Tage nicht sehen. Er weiss ganz genau, dass ich immer ein offenes Ohr für ihn habe.

Werden Sie Streller anrufen, wenn Sie Tipps brauchen?

Embolo: Ja! Das haben wir auch in der Vergangenheit so gehalten. Er weiss, dass ich gerne Tipps annehme und manchmal auch brauche. Das wird immer so sein und ist mir auch wichtig.

Deine Meinung