Indien: Hindus und Muslime sollen Heiligtum teilen
Aktualisiert

IndienHindus und Muslime sollen Heiligtum teilen

Seit Jahren streiten Hindus und Muslime in Indien um das Gelände einer zerstörten Moschee in der Stadt Ayodhya. Ein Gericht hat nun ein «salomonisches» Urteil gefällt.

von
Peter Blunschi
Fanatische Hindus stürmen am 6. Dezember 1992 das Gelände der Babri-Moschee in Ayodhya.

Fanatische Hindus stürmen am 6. Dezember 1992 das Gelände der Babri-Moschee in Ayodhya.

Unter höchster Anspannung hatte Indien am Donnerstag den Entscheid eines Gerichts in Allahabad im Bundesstaat Uttar Pradesh erwartet. Rund 200 000 Sicherheitskräfte wurden vorwiegend im Norden des Subkontinents mobilisiert, um mögliche Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen zu unterbinden. SMS-Dienste wurden abgeschaltet, um die Verbreitung von unfundierten Gerüchten oder Aufrufen zu Gewaltakten zu verhindern.

Seit einem Vierteljahrhundert vergiftet der Streit um eine angeblich heilige Stätte in der Provinzstadt Ayodhya das Klima zwischen den Religionsgruppen. Beide beanspruchen das Stück Land für sich, auf dem im 16. Jahrhundert ein islamisches Gotteshaus erbaut wurde, die Babri-Moschee. Nach hinduistischer Überlieferung jedoch wurde genau dort der Gott Rama geboren. Der Konflikt wurde in den 80er Jahren von Hindu-Extremisten zunehmend angeheizt und eskalierte im Dezember 1992, als die Moschee zerstört wurde.

In der Folge kam es im ganzen Land zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen, bei denen rund 2000 Menschen ums Leben kamen. Sie wurden unter anderem im Erfolgsfilm «Slumdog Millionaire» thematisiert. Seither wird um eine Lösung des Konflikts gerungen. Zehn Jahre nach der Zerstörung der Moschee flammte die Gewalt erneut auf, als radikale Muslime einen Zug mit Hindu-Pilgern anzündeten, wobei 58 Menschen starben. Darauf kam es zu Racheakten mit etwa 1000 vorwiegend muslimischen Todesopfern.

Hohe Politiker als Brandstifter

Eine von der Regierungskommission eingesetzte Untersuchungskommission kam nach 17 Jahren zum Schluss, dass hohe Politiker der hindu-nationalistischen BJP, der grössten Oppositionspartei des Landes, eine Schlüsselrolle bei der Zerstörung der Moschee spielten. Die Hindus argumentieren, das islamische Gotteshaus sei auf den Ruinen eines Rama-Tempels erbaut worden und beriefen sich auf archäologische Funde. Sie wollen erneut einen Tempel für die Gottheit errichten, die Muslime hingegen die Moschee wieder aufbauen.

Nun hat das aus zwei Hindus und einem Muslim bestehende Tribunal das Gelände zu je einem Drittel an zwei hinduistische Gruppen und die sunnitische Gemeinde vergeben. Gleichzeitig ordnete es ein dreimonatiges Moratorium an. In dieser Zeit sollen die drei Parteien Vorschläge für die Aufteilung des Grundstücks vorlegen. Den zentralen Teil sollen offenbar die Anhänger Ramas erhalten. Das Urteil fiel laut indischen Medienberichten nicht einstimmig.

Muslime wollen in Berufung gehen

«Der Umgang mit diesem Urteil wird tiefgreifende Folgen für die Entwicklung unseres Landes haben», hatte Premierminister Manmohan Singh im Vorfeld erklärt. Drei Tage vor Eröffnung der ohnehin von Problemen heimgesuchten Commonwealth Games in der Hauptstadt Delhi fürchteten die Behörden zusätzliche Negativschlagzeilen. Politiker aus allen Lagern, darunter auch Hardliner, hatten zur Respektierung des Verdikts aufgerufen.

Erste Reaktionen fielen gemässigt aus. Anwälte der muslimischen Gemeinschaft zeigten sich «teilweise enttäuscht» und kündigten Berufung beim Obersten Gerichtshof Indiens an. Beobachter verwiesen darauf, dass sich Indien in den letzten 20 Jahren verändert hat, nicht zuletzt aufgrund der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung.

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