Hingis top, Schnyder floppt
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Hingis top, Schnyder floppt

Martina Hingis hat ihren Achtelfinal am Australian Open gegen die Chinesin Na Li gewonnen und trifft nun im Viertelfinal auf Kim Clijsters. Patty Schnyder hatte das Nachsehen und verlor glatt in zwei Sätzen gegen die Russin Anna Tschachwetaze.

«Jian shao shi wu», riet ein Zuschauer zu Beginn des letzten Games Na Li. Doch der gutgemeinte Ratschlag an die Adresse der Chinesin, ihre Fehlerquote zu reduzieren, kam zu spät. Wenige Minuten später verwertete Martina Hingis ihren Siegpunkt zum 4:6, 6:3, 6:0. Die Statistik wies bei Li letztlich 69 unerzwungene Fehler aus, fast drei pro Game.

Die Ostschweizerin musste sich die Teilnahme an ihrem dritten Major-Viertelfinal seit dem Comeback trotz des klaren Resultats hart erkämpfen. Die bestklassierte Spielerin aus dem Reich der Mitte, die am Vortag Dinara Safina nur vier Games überlassen hatte, feuerte von der Grundlinie aus allen Lagen und dies lange mit ähnlich grosser Präzision wie Durchschlagskraft. Beim Stande von 4:6, 2:2 hatte Li noch Bälle zur erneuten Führung, danach änderte aber die Spielphysiognomie völlig. Hingis gab bis zum Matchende nur noch eines von elf Games ab. «Dieses fünfte Game im zweiten Satz hat mich am Leben erhalten», war Hingis sicher. Extrem aus der Ruhe hatte sie sich aber nicht bringen lassen: «Wenn sie das zwei Sätze hätte durchziehen können, dann wäre es einfach zu gut gewesen. Ich habe mich aber durchkämpfen können.»

Hingis überzeugte nebst der gewohnten taktischen Reife und Spielintelligenz vor allem mit ihrer Laufarbeit. Sie erlief zahlreiche Bälle ihrer Gegnerin und zwang diese dadurch dazu, stets einen oder mehrere Bälle mehr zu schlagen und das Risiko zu erhöhen. Li, die ohne ihren Ehemann (der gleichzeitig einer ihrer Trainer ist) angereist war, weil dieser das Visum zu spät erhalten hatte, war Hingis punkto Variationen krass unterlegen.

«Aussie Kim» auf Abschiedstour

Nach drei problemlosen Siegen hat Hingis nun auch den ersten richtigen Test bestanden. Morgen wird ihre Aufgabe aber zweifelsohne noch schwieriger. Clijsters hat in vier Partien erst 15 Games abgegeben. Mit der Zurich-Open-Finalistin Daniela Hantuchova (Slk/15) machte sie im Achtelfinal beim 6:1, 7:5 kurzen Prozess.

Clijsters ist aber nicht nur wegen ihrer Stärke, die sie zum US- Open-Titel 2005, zu vier weiteren Major-Finals und sechs Halbfinals sowie zur Nummer 1 geführt hat, so gefährlich. Da sie ihr letztes Profijahr bestreitet, ist sie - weltweit - noch populärer als bis jetzt schon. In Australien geniesst sie seit ihrer Liaison mit Lleyton Hewitt ohnehin den Status einer heiss geliebten Adoptivtochter. Sogar Hingis, die wegen ihrer Spielkunst und sechs aufeinanderfolgenden Finalteilnahmen in Melbourne ebenfalls höchste Anerkennung geniesst, dürfte am Mittwoch nur den geringeren Teil des Fansupports bekommen.

Clijsters im Vorteil

Die beiden, die derzeit ähnlich funkelnde Verlobungsringe an ihren Fingern tragen und sich bestens verstehen, liefern sich auf dem Platz stets hochstehende Duelle. Sie sind bisher achtmal gegeneinander angetreten, es steht 4:4 im Head-to-Head. Im «zweiten Tennisleben» der Martina Hingis hat Clijsters allerdings alle drei Duelle für sich entschieden, im Vorjahr in Melbourne, beim French Open und in San Diego. «Ich denke nicht, dass die Ausgangslage fünfzig zu fünfzig ist. Ich werde von Anfang an sehr gut spielen müssen», weiss Hingis. Entgegen kommt ihr, dass sie heute einen Ruhetag hat, nachdem sie im Doppel zusammen mit der im Einzel schon ausgeschiedenen Swetlana Kusnezowa deutlich an Vera Duschewina/Maria Kirilenko gescheitert ist.

Obwohl Clijsters weiss, dass sie maximal noch drei Partien im gelobten Tennisland absolvieren darf, hat sich noch keine Traurigkeit eingestellt: «Ich bin ja noch im Turnier und will es gewinnen. Für Traurigkeit hatte ich noch keine Zeit, sie wird aber sicher kommen, wenn ich das Land verlasse. Ich war schon traurig, als ich vor zehn Tagen Sydney verliess und allen Goodbye sagte, die ich über die Jahre kennengelernt habe. Jetzt konzentriere ich mich noch voll auf mein Spiel. Aber nachher werde ich mir genügend Zeit nehmen, mich von allen zu verabschieden.»

Wie lange die sympathische Flämin noch auf den Courts zu bewundern sein wird, ist noch nicht klar. Ihr Programm bis Wimbledon steht, anschliessend wird sie den amerikanischen Profi- Basketballer Brian Lynch heiraten.

Schnyder uninspiriert

Dass Anna Tschakwetadse schon nach 61 Minuten würde jubeln können, war nicht abzusehen gewesen. Schnyder knüpfte gegen die 19- jährige Russin zuerst da an, wo sie gegen Alicia Molik aufgehört hatte und ging mit konzentriertem Spiel rasch 4:1 in Führung. Danach riss der Faden aber vollkommen. In gleichem Masse wie die Siegerin des Tier-I-Events von Moskau sicherer wurde, baute Schnyder ab, ohne ersichtlich grossen Widerstand zu leisten. Als Folge gewann sie nur noch eines der letzten elf Games, den Matchball «verwertete» sie mit einem Doppelfehler gleich selber. «Ich habe mein ganzes Herz ins Spiel gelegt, kann mir aber nicht erklären, was passiert ist», so Schnyder. Tschakwetadse ihrerseits wunderte sich darüber, dass «Schnyder nicht mehr Widerstand geleistet hat». Ihre nächste Gegnerin ist die topgesetzte Maria Scharapowa.

Die Weltnummer 9 ist in Melbourne erstmals seit 2003 wieder so früh gescheitert. 2004 erreichte sie bei ihrem Lieblingsturnier ihren ersten Major-Halbfinal, 2005 und 2006 jeweils die Viertelfinals. Voraussichtlich wird Schnyder aber in den Top ten bleiben.

Melbourne. Australian Open. Grand-Slam-Turnier (15,68 Mio. Dollar/Hart). Frauen-Einzel, Achtelfinals: Martina Hingis (Sz/6) s. Na Li (China/19) 4:6, 6:3, 6:0. Anna Tschakwetadse (Russ/12) s. Patty Schnyder (Sz/8) 6:4, 6:1. Maria Scharapowa (Russ/1) s. Vera Zwonarewa (Russ/22) 7:5, 6:4. Kim Clijsters (Be/4) s. Daniela Hantuchova (Slk/15) 6:1, 7:5. (si)

Viertelfinal-Tableau:

Scharapowa (1) - Tschakwetadse (12)

Clijsters (4)- Hingis (6)

Serena Williams - Peer (16)

Vaidisova (10) - Safarova

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