Aktualisiert 16.02.2005 07:28

Hinrichtung wegen «Klugheit»

Geistig Behinderte dürfen in den USA nicht hingerichtet werden. Jetzt ist ein Häftling im Gefängnis zu klug geworden: Sein IQ stieg über die massgebliche Grenze von 70. Jetzt droht im die Hinrichtung.

Im Jahr 2002 schrieb der zum Tode verurteilte Daryl Atkins Justizgeschichte. Anhand seines Falls entschied das höchste Gericht der USA, dass die Hinrichtung geistig Behinderter verfassungswidrig und damit verboten sei.

Heute, drei Jahre später, muss ausgerechnet jener Häftling, der indirekt Dutzenden anderen Todeskandidaten das Leben erhielt, die Exekution fürchten. Sein Problem: Tests haben ergeben, dass er in den Jahren seiner Haft «klüger» geworden ist - womöglich «zu klug», um als geistig Behinderter von der Exekution verschont zu bleiben.

Und noch mehr Ironie: Experten halten es für möglich, dass der ständige Umgang mit seinen Verteidigern während der Berufungsanträge bis zum höchsten US-Gericht Atkins intellektuell stimulierte. «Das ist wirklich ein besonders tragischer Fall», sagt Richard Dieter vom Todesstrafen-Informationszentrum in Washington.

Mann erschossen

Der Afroamerikaner war 18 Jahre alt, als er zusammen mit einem Komplizen im Staat Virginia einen Mann entführte, ihn dazu zwang, Geld von einem Bankkonto abzuheben und ihn dann erschoss. Der Mord brachte ihm die Todesstrafe ein.

Tests ergaben dann jedoch, dass sein Intelligenzquotient nur bei 59 lag. Die Grenze zur geistigen Behinderung liegt in Virginia bei 70. Bei zwei neuen Untersuchungen - die eine kürzlich, die andere im vergangenen Jahr - kam Atkins dann jedoch auf 76 beziehungsweise 74.

«Nie geistig behindert»

Staatsanwältin Eileen Addison sieht sich damit in ihrer Überzeugung bestätigt, dass Atkins nie geistig behindert war und die Hinrichtung verdient. Und jenseits der Testergebnisse, so argumentiert sie, könne Atkins gar nicht behindert sein, «weil wirklich Behinderte solche Verbrechen nicht begehen».

Nach den Gesetzen in Virginia muss nun eine Geschworenenjury entscheiden, ob Atkins hingerichtet werden darf oder nicht. Die Verteidigung will sich dabei unter anderem auf den Psychologen Evan Nelson stützen, der Atkins selbst 2004 getestet hat und die beiden jüngsten Untersuchungsergebnisse für unmassgeblich hält.

Mentale Stimulation

Sie seien das Ergebnis einer mentalen Stimulation, die durch den Fall selbst erzeugt worden sei, zitierte die «New York Times» unlängst den Experten. «Er wurde intellektuell mehr stimuliert als während seiner Jugend und als junger Erwachsener. So hat er (durch den Umgang mit den Anwälten) das Schreiben und Lesen geübt, etwas über juristische Fragen und die Kommunikation mit Profis gelernt.»

Richard Dieter verweist auch darauf, dass geistig Behinderte sich oft häufig gehörte Formulierungen - etwa «Geschworenenjury» - aneigneten und dadurch «sprachlich fähiger» wirken könnten als sie es tatsächlich seien.

(sda)

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