Phänomen Swing State: Hip wie LA, traditionell wie Kansas
Aktualisiert

Phänomen Swing StateHip wie LA, traditionell wie Kansas

Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen werden in einer Handvoll Staaten entschieden – zum Beispiel in Missouri, dem US-Durchschnittsstaat schlechthin.

von
Kian Ramezani
Wechselwähler: Swing States - hier gelb - wählen mal demokratisch, mal republikanisch.

Wechselwähler: Swing States - hier gelb - wählen mal demokratisch, mal republikanisch.

Für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen sind diese Wackelstaaten so wichtig, dass sie nicht einen, sondern drei Übernamen haben: «Swing States», weil sie mal demokratisch, mal republikanisch wählen. «Battleground States», weil hier Demokraten und Republikaner am heftigsten um die Wählergunst kämpfen. Und «Purple States», weil sich hier die Anteile blauer Demokraten und roter Republikaner gleichmässig mischen. Alle drei Bilder sagen dasselbe aus: Hier bewegt sich etwas.

Die amerikanische Präsidentschaftswahl ist wie eine Gleichung mit festen und variablen Grössen. Die festen Grössen sind jene Staaten, die stets solid für eine der beiden Parteien stimmen. Zum demokratischen Block gehören die Nordostküste und die Westküste, zum republikanischen die Südostküste, der Süden und das mittlere Amerika. Die Republikaner zählen zwar viel mehr Staaten auf ihrer Seite, aber bevölkerungsmässig halten sich die beiden Lager ungefähr die Waage.

Die variablen Grössen, die diesen Gleichstand aufheben, sind die Swing States, die weder zum einen noch zum anderen Block gehören. Sie geben mit mehr oder weniger knappen Resultaten den Ausschlag, welcher Kandidat die Wahlen gewinnt. 2004 war es Ohio, 2000 nach einer peinlichen Nachzählaktion Florida, die George W. Bush den Sieg sicherten. Beide sind typische Swing States.

Amerika im Kleinformat

Das Wahlverhalten der Swing States ist auf ihre besondere Demografie zurückzuführen. Die meisten liegen in der Region um die Grossen Seen, die von Millionenmetropolen Chicago, St. Louis und Pittsburgh, aber auch von endlosen Maisfeldern geprägt ist. In den urbanen Zentren wird mehrheitlich demokratisch gewählt, auf dem Land mehrheitlich republikanisch. Ihre ethnische Zusammensetzung, Arbeitslosenrate und Haushaltseinkommen widerspiegeln ziemlich genau den Landesdurchschnitt.

Ein bisschen hip wie Los Angeles, ein bisschen traditionell wie Kansas – guter amerikanischer Durchschnitt eben. Das fast perfekte Abbild der USA liefert Missouri, der sogenannte «bellwether state»: Seit 1904 wurde im Leithammel-Staat jedes Mal (ausser 1956) für den künftigen Präsidenten gestimmt.

New York ist zweifellos eine ganz fabelhafte Stadt – aber niemand käme je auf die Idee, hier eine wichtige Wahlkampfveranstaltung abzuhalten. Das Rennen ist im Big Apple wie auch sonst vielerorts längst entschieden. Folgerichtig konzentrieren Barack Obama und Mitt Romney ihre Ressourcen auf die Swing States, wo sie mit Werbespots und persönlichen Auftritten noch etwas bewegen können. Auch bei Personalentscheiden fallen sie ins Gewicht, so stammte Barack Obamas Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden aus dem wichtigen Swing State Pennsylvania.

Im Film «Swing Vote» mit Kevin Costner wird das Thema der Swing States aufgegriffen:

Das Wahlsystem

Das amerikanische Wahlsystem ist nicht so kompliziert wie sein Ruf. Die Amerikaner wählen ihren Präsidenten nicht direkt, sondern über sogenannte Elektoren oder Wahlmänner. Jeder Staat hat proportional zu seiner Einwohnerzahl eine definierte Anzahl dieser Elektoren, faktisch die Summe seiner Kongressabgeordneten und Senatoren in Washington. Ein bevölkerungsreicher Staat wie Kalifornien hat z.B. 55, ein bevölkerungsarmer wie Montana bloss 3 Wahlmänner. Wer in einem bestimmten Staat die meisten Stimmen erhält (egal ob 51 oder 99 Prozent), bekommt alle Elektoren zugesprochen, der Verlierer bekommt keine. Wer am Ende die meisten Elektorenstimmen gesammelt hat, wird neuer Präsident. Man kann somit landesweit die meisten Wählerstimmen gewinnen, aber trotzdem weniger Elektorenstimmen erhalten und somit die Wahl verlieren. Das passierte Al Gore bei der Wahl 2000.

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