Vor Bancomat in Aesch BL: Hirnschlag: Passanten lassen Opfer (15) liegen
Aktualisiert

Vor Bancomat in Aesch BLHirnschlag: Passanten lassen Opfer (15) liegen

Wegen unterlasssener Nothilfe muss sich ein Baselbieter SVP-Politiker vor Gericht verantworten. Er und weitere Personen liessen einen Jungen eine Stunde lang einfach liegen – ohne zu helfen.

von
aj
Vor drei Jahren erlitt ein Jugendlicher einen Schlaganfall vor der Bank - niemand half.

Vor drei Jahren erlitt ein Jugendlicher einen Schlaganfall vor der Bank - niemand half.

Die Bilder der Überwachungskamera bei der Aescher Kantonalbank brachten das Unglaubliche ans Tageslicht: Der 15-Jährige, der auf dem Sprung in die Ferien war, stand vor dem Bancomaten. Plötzlich wurde ihm schwindlig und er brach zusammen. Die Kameras dokumentierten noch, dass er sich an den Kopf fasste, bevor er zusammenbach. Ein Mann beobachtete den Sturz. Doch statt zu helfen, hob er seelenruhig Geld ab und machte sich aus dem Staub, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtet. Die Überwachungskameras filmten zehn weitere Personen, die achtlos neben dem Jugendlichen vorbeigingen, Geld abhoben und weitergingen. Erst nach einer Stunde alarmierte ein 43-Jähriger den Notruf. Der Junge konnte nicht sprechen – er war durch den Schlaganfall halbseitig gelähmt.

Unterschiedliche Aussagen

Passiert ist der Fall vor drei Jahren. Alle Personen, die auf dem Video zu erkennen waren, wurden befragt – mit unterschiedlichen Begründungen sagten sie in der Einvernahme, sie hätten nichts gesehen. Laut der Staatsanwaltschaft Baselland hätte aber mindestens der Mann, der den Sturz beobachtete, Hilfe holen müssen. In einem Brief an das Opfer rechtfertigte er sich. Er sei wenige Tage zuvor Opfer eines Überfalls in Südfrankreich geworden – er vermutete einen Trick.

Der Mann ist Unternehmer und für die SVP in einer Baselbieter Gemeinde aktiv. Von der Staatsanwaltschaft erhielt er einen Strafbefehl wegen unterlassener Nothilfe mit einer Busse von 500 Franken, Verfahrenskosten von 5300 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 1200 Franken. Der Mann hat den Strafbefehl laut der «Schweiz am Sonntag» angefochten. Am übernächsten Freitag kommt es nun zur Verhandlung am Baselbieter Strafgericht.

Schwierige Beweislage

Veruteilungen wegen unterlassener Nothilfe sind selten. Die Zahl der Strafverfahren ist so gering, dass sie in keiner Statistik erfasst werden. Peter Gill, Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt erklärt: «Es ist relativ schwierig, unterlassene Nothilfe zu beweisen.» Auch wenn der SVP-Politiker in Aesch gefilmt wurde könne er auf einen Freispruch hoffen. Die umstrittene Frage vor Gericht wird sein, ob das Opfer in unmittelbarer Lebensgefahr schwebte. Denn nur dann handelt es sich laut Strafgesetzbuch um unterlassene Nothilfe.

Der junge Mann, der am Freitag seinen 18. Geburtstag feierte, ist seit dem Hirnschlag teilweise gelähmt und hat Sprachprobleme. An der Gerichtsverhandlung wolle er teilnehmen, wenn es seine Gesundheit zulasse.

Grosses Unverständnis

Die Aescher Bevölkerung erinnert sich auch drei Jahre nach dem Vorfall noch gut daran – so auch Gemeindepräsidentin Marianne Hollinger (FDP), die von einem tragischen Fall spricht. Kein Verständnis für das Verhalten der Leute haben die Passanten, die 20 Minuten am Sonntag im Dorfzentrum und bei der Filiale der BLKB angesprochen hat. «Keine Hilfe zu leisten ist unentschuldbar», sagt Franziska Blechschmidt (29). Jeder habe heute ein Handy und könne damit den Notruf wählen. Marin Müller (28) pflichtet ihrer Kollegin bei und sagt: «Ganz sicher wäre ich bei der Person geblieben und hätte gewartet bis ein Krankenwagen kommt.»

Martin Gothe (51) hat selber schon Erste Hilfe geleistet:«Vor drei Monaten habe ich in der Ostschweiz einem Mann eine Schusswunde verbunden.» Er kann sich aber gut vorstellen, warum die Leute nicht helfen: «Sie möchten nichts damit zu tun haben und fürchten sich, selber in Gefahr zu geraten.»

Auch Oskar Kämpfer, Präsident der Baselbieter SVP ist der Meinung: «Ja, die Leute hätten dem jungen Mann helfen sollen.» Zum Mitglied der Baselbieter SVP wollte er nichts sagen – denn er kenne den Fall nur aus der Zeitung. Dass der Fokus aber nur auf den SVP-Politiker gelegt werde, findet Kämpfer problematisch.

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