Vergleich macht es deutlich - Hirnthrombosen-Risiko nach Impfung mit AstraZeneca wird massiv überschätzt
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Vergleich macht es deutlichHirnthrombosen-Risiko nach Impfung mit AstraZeneca wird massiv überschätzt

Die Covid-19-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson sind in Verruf geraten. Während einige Länder die Verimpfung stoppen, haben andere hastig die Zulassung geändert. Fachleute empfehlen ihn währenddessen weiterhin.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Der Ruf des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca hat Schaden genommen.

Der Ruf des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca hat Schaden genommen.

REUTERS
Grund sind Meldungen über schwerwiegende Sinusvenenthrombosen, die nach den Impfungen aufgetreten sind.

Grund sind Meldungen über schwerwiegende Sinusvenenthrombosen, die nach den Impfungen aufgetreten sind.

Getty Images
Laut Europäischer Arzneimittel-Agentur überwiegt der Nutzen das Risiko.

Laut Europäischer Arzneimittel-Agentur überwiegt der Nutzen das Risiko.

AFP

Darum gehts

  • Meldungen von schweren Sinusvenenthrombosen nach der Impfung mit AstraZeneca und Johnson & Johnson lassen ganze Länder und Einzelpersonen vor diesen zurückschrecken.

  • Laut Experten ist das Risiko, ein solches Blutgerinnsel im Gehirn zu bekommen, aber «extrem gering». Der Nutzen der Impfung sei deutlicher höher als die Gefahr einer Sinusvenenthrombose.

  • Der Vergleich mit dem generellen Risiko der Thrombosenart bestätigt das.

  • Noch deutlicher wird der Nutzen, wenn man das Risiko für Sinusvenenthrombosen mit dem von Covid-19-Patienten vergleicht.

Nach der Impfdebatte um den Corona-Impfstoff Vaxzevria von AstraZeneca rückt nun das Vakzin von Johnson & Johnson in den Fokus. Auch hier ist es nach Impfungen zu schweren Fälle von Thrombosen gekommen – sogenannten Sinusvenenthrombosen. Dabei handelt es sich um gefährliche Blutgerinnsel in den Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen und unbehandelt zum Tod führen können. Bei beiden Impfstoffen kam es in einigen Fällen zudem zu einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie), was zu einer erhöhten Blutungsneigung führt.

Viele Länder haben daher Abstand von der Verimpfung dieser Präparate genommen: Deutschland etwa hat die Zulassung für AstraZeneca angepasst. Hier wird Vaxzevria nur noch Menschen ab 60 Jahren empfohlen. Grossbritannien hat angekündigt, das Präparat nicht mehr unter 30-Jährigen zu verabreichen. Am weitesten Abstand genommen hat Dänemark. Es stellt die Impfungen mit AstraZeneca dauerhaft ein. Und auch für Johnson & Johnsons Ad26.COV2.S gelten neue Regeln: In den USA wurden Impfungen mit dem Wirkstoff vorübergehend ausgesetzt. Zudem hat der Hersteller die Markteinführung in Europa verschoben.

Angst um Pandemieverlängerung

Nun werden Befürchtungen laut, der Wirbel um die beiden Impfstoffe und die damit einhergehende Ablehnung der Präparate könne zu einer Verlängerung der Pandemie führen. «Im Frühsommer haben wir AstraZeneca-Dosen übrig, aber nicht genug mRNA-Impfstoff, um die Herdenimmunität bis Herbst zu schaffen», twitterte Carsten Watzl, Immunologe an der Technischen Universität Dortmund, über seine Sorgen.

Dabei ist Vaxzevria ein guter Impfstoff, wie nicht nur die Europäische Arzneimittelagentur, sondern auch viele Experten immer wieder betonen: Der AstraZeneca-Impfstoff schütze sehr zuverlässig vor schwerer Erkrankung. Der Nutzen der Impfung sei damit deutlich höher als die Gefahr einer Sinusvenenthrombose oder eines Blutplättchenmangels. Zudem sei das Risiko, eine solche zu erleiden, «extrem gering», wie Immunologe Leif Erik Sander von der Charité in Berlin auf Twitter schreibt. Das gelte besonders für ältere Personen, die bei einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 am stärksten gefährdet seien.

Ob diese Aussagen auch für das Vakzin von Johnson & Johnson stimmen, wird sich diese Woche zeigen. Die Ema hat angekündigt, dann ihren Bericht über mögliche Hirnvenenthrombosen durch den Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson vorzulegen.

Vergleich zeigt, wie gering die Gefahr ist

Die positive Beurteilung des AstraZeneca-Präparats stützen auch die Daten, die Swissmedic vorliegen: Von dem AstraZeneca-Impfstoff wurden bei rund 25 Millionen Geimpften insgesamt 62 solch «schwerwiegender thromboembolische Ereignisse» gemeldet, so Sprecher Alex Josty. Für den Impfstoff von Johnson & Johnson seien bis zum 13. April in den USA sechs Fälle gemeldet. Dort waren bis zum Stopp mehr als sieben Millionen Dosen verabreicht worden. Derzeit schätze man, dass diese Reaktionen in einer Grössenordnung von etwa 10 auf eine Millionen Verimpfungen auftreten können.

Zum Vergleich: In der allgemeinen Bevölkerung treten Sinusvenenthrombosen je nach Studie bei circa zwei bis fünf Fällen oder bei bis zu 15 Fällen pro einer Million Personen pro Jahr auf. Die im Jahr 2020 im Fachjournal «Neurology» veröffentlichte und damit aktuellste Studie «gibt eine Alters- und Geschlechts-angepasste Häufigkeit von Sinusvenenthrombosen von 13,9 bis 20,2 Fällen pro einer Million Menschen pro Jahr an, wobei jüngere Frauen insgesamt häufiger betroffen sind», so Josty. Ein Umstand, der auch nach den Impfungen beobachtet wurde. Dort erlitten vor allem Frauen zwischen 20 und 55 eine solche Folge.

Warum ausgerechnet sie betroffen sind, ist noch offen. Auch die Risikofaktoren konnten bislang nicht identifiziert werden, sagt Josty. Grundsätzlich nimmt man aber an, dass Rauchen, das Einnehmen der Antibabypille und Schwangerschaften das Risiko nicht nur für Beinvenen-, sondern auch für Sinusvenenthrombosen erhöht.

Vorsicht beim Vergleiche Ziehen

Zuletzt kursierte vor allem auf Social Media der Vergleich von Thrombosefällen bei der Antibabypille und möglicherweise durch die AstraZeneca-Impfung hervorgerufene Thrombosen. Demnach kommen Thrombosen bei der Antibabypille deutlich häufiger vor als jetzt, nach den Impfungen, beobachtet wurden. Allerdings ist diese Gegenüberstellung mit Vorsicht zu geniessen, erklärt Karl Lauterbach gegenüber «Deutschlandfunk»: In Bezug auf die Beinvenenthrombosen sei dieser zwar nicht falsch. So bilden nach dem Erhalt von Vaxzevria statistisch gesehen vier von einer Million Personen ein Blutgerinnsel (0,0004 Prozent). Bei den Frauen, die die Antibabypille schlucken, sind es 500 bis 1200 Fälle pro Million (0,05-0,12 Prozent). Bei Raucherinnen und Rauchern liegt das Risiko für eine Beinvenenthrombose bei 0,18 Prozent (1763 Fälle pro einer Million), bei Covid-19-Patienten bei stattlichen 16,5 Prozent. Das entspricht 165’000 Fällen bei einer Million Erkrankten.

Laut Lauterbach lässt sich dieser Vergleich mit der Antibabypille bei den Sinusvenenthrombosen nicht mehr ziehen. Dabei handele es sich tatsächlich um ein anderes Risiko. Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gebe, seien in der Schwere nicht vergleichbar mit den Sinusvenenthrombosen.

Politiker lassen ihren Worten Taten folgen

Bei der Beurteilung der Vakzine muss ausserdem berücksichtigt werden, dass Sinusvenenthrombosen nach einer Covid-19-Infektion um ein Vielfaches häufiger sind als nach einer Covid-19-Impfung. Und zwar massiv: Laut einer Studie von Forschenden der Oxford University tritt diese Art Thrombose bei 39 pro einer Millionen Fällen auf.

Entsprechend sprechen sich Experten weiterhin für die Verabreichung von Vaxzevria aus: «Es ist ein hochwirksamer Impfstoff, schwere Nebenwirkungen sind rar», betont der deutsche Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der sich den Impfstoff auch selbst spritzen hat lassen. Wie er krempelten auch schon Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Ärmel für das AstraZeneca-Präparat hoch.

Vakzin-Situation in der Schweiz

In der Schweiz kommen derzeit mit Comirnaty von Pfizer/Biontech und Modernas mRNA-1273 zwei mRNA-Impfstoffe zum Einsatz. Befristet zugelassen ist seit dem 22. März 2021 auch das Präparat von Johnson & Johnson. Der Bund hat beim US-Pharmakonzern allerdings keine Bestellung aufgegeben. Obwohl Swissmedic bereits im Oktober 2020 die rollende Überprüfung des AstraZeneca-Vakzins startete, befindet sich Vaxzevria noch mitten im Verfahren. Seit Montag, 19. April 2021, liegt Swissmedic auch der Impfstoffkandidat CVnCoV des deutschen Unternehmens CureVac vor. Dabei handelt es sich, wie bei den bereits verfügbaren Vakzinen, um einen mRNA-Impfstoff.

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