Zoff mit Bauern: Historiker setzt sich für Fahrende ein
Aktualisiert

Zoff mit BauernHistoriker setzt sich für Fahrende ein

Fahrende sorgen im Kanton Bern und speziell im Seeland derzeit für Schlagzeilen. Der Grund für die Probleme seien uralte Vorurteile, sagt ein Historiker.

von
miw
Fahrende seien in der Schweiz mit uralten Voruteilen belastet, meint der Schweizer Historiker Thomas Huonker. (Bild: Polizei umstellten im 2014 ein von Jenischen besetztes Gelände in Bern.)

Fahrende seien in der Schweiz mit uralten Voruteilen belastet, meint der Schweizer Historiker Thomas Huonker. (Bild: Polizei umstellten im 2014 ein von Jenischen besetztes Gelände in Bern.)

Keystone/Gian Ehrenzeller

Anwohner aus Radelfingen beschwerten sich über den Gestank, der vom dortigen Fahrenden-Rastplatz ausgehe. Wenige Tage später fuhr eine Gruppe Romas ungefragt in die Ökowiese von Bauer Spack und zerstörten diese. Dasselbe taten sie in Hagneck, wo sich die Bauern mit Gülle wehren wollten. Nun hat sich der Historiker Thomas Huonker im «Bieler Tagblatt» zu diesen Problemen geäussert, die immer wieder zwischen den Fahrenden und der ansässigen Bevölkerung auftauchen.

In Hinblick auf die Abstimmung über den 10-Millionen-Kredit im Grossen Rat für den geplanten Platz in Meinisberg spricht sich Huonker dafür aus, dass die Fahrenden endlich als Teil der Bevölkerung akzeptiert werden. Der Zürcher, der sich seit 30 Jahren mit der Geschichte der Roma, Sinti und Jenischen befasst, hofft auf deren Anerkennung in der Schweizer Verfassung. «Auf Bundesebene sind Bestrebungen im Gang.»

Romas unterdurchschnittlich kriminell

Die grundsätzliche Akzeptanz gegenüber Fahrenden fehle aber dennoch. So stünde etwa das Vorurteil im Raum, dass Fahrende überdurchschnittlich kriminell seien. «Dieses wird von Statistiken widerlegt. Wenn man solche beiziehen will, dann muss man sagen, dass Roma bezüglich Gewaltverbrechen oder schweren Verbrechen sogar deutlich weniger kriminell sind als der Durchschnitt der Bevölkerung.»

Zudem sei den meisten Schweizern auch nicht bewusst, wie viele Romas im Land leben. «Zirka 100'000 leben hier sesshaft. Diese Roma leben und arbeiten seit Jahrzehnten unauffällig in verschiedenen Berufen.» Doch müssten sie ihre Identität noch heute verstecken, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Auf Anklang stosse aber etwa die sogenannte Zigeunermusik. «Insofern ist es nicht eine generelle Ablehnung, aber oft werden die Fahrenden nicht als normale Mitmenschen anerkannt. Dahinter steht, man muss es leider sagen, eine rassistische Abwehrhaltung, die auf uralten Vorurteilen gründet», so der Historiker im Interview.

Fahrende in Wileroltigen

Nomadentum liegt im Trend

Doch das Nomadentum der Fahrenden sei auch in der heutigen Zeit alles andere als veraltet. Vielmehr würden derzeit neue Formen von Herumreisen entstehen: «Zum Beispiel die Ex-Pats, die professionellen Nomaden, die auf der ganzen Welt arbeiten. Heute ist das nomadische Leben dank der Technik sehr komfortabel. Das ist relativ neu. Es ist also eine flexible, moderne Lebensweise.»

Laut Huonker wäre es auch für Fahrende nicht schwierig, ein Lebensraum zu schaffen: Ein simpler Kiesplatz mit den nötigen sanitären Anschlüssen wär bereits sehr zufriedenstellend. «Indem man die Plätze aber so teuer plant, provoziert man bewusst Widerstand», so Historiker Thomas Huonker.

Deine Meinung