Gen-Diät : Hit oder Hype – soll ich nach den Genen essen?
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Gen-Diät Hit oder Hype – soll ich nach den Genen essen?

Die Pfunde sollen dank teuren Gentests leichter purzeln. Was eine Ernährung nach dem genetischen Code bringt.

von
Jürg Hösli
Warum können einige mehr Spaghetti essen als andere und bleiben schlank?  Antworten soll das Erbgut liefern.

Warum können einige mehr Spaghetti essen als andere und bleiben schlank? Antworten soll das Erbgut liefern.

Sdominick

Du sagst mir, welche DNA du hast und ich sage dir wie du essen musst. So ähnlich tönt es in der Werbung der Firmen, welche Ernährungslösungen anhand des genetischen Codes anbieten. Persönlicher geht nicht mehr, ist nun der gordische Ernährungsknoten gelöst?

In der Ernährung wird jede Woche ein neuer heiliger Gral gefunden. «Low Carb» wird durch «Vegan» ausgetauscht. Wenn man denkt, so das war's dann jetzt, wird uns Fasten aufgetischt. Jeder will noch ein bisschen rechter haben und noch ein bisschen gesünder werden. Klar sucht man Mittel und das ultimative Verfahren, um dem Menschen seine finale Ernährungslösung zu zeigen. Warum man dies heute überhaupt muss, ist leider nicht Teil der Frage.

Auf der richtigen Klaviatur spielen können

Doch wagen wir zuerst einen Blick hinter dir Kulissen der DNA-Ernährung. Der Bauplan des Menschen zeigt, «wer jemand ist». Darum liegt es ja auf der Hand, dass darin klar zu lesen ist, welches Benzin jemand braucht. Was auf den ersten Blick so einfach tönt, ist leider nur Stammtischlogik.

Ich versuche das, mit einem Vergleich zu erklären. Wenn ich eine Geige oder eine Flöte habe, erkenne ich, bei welchem Instrument ich den Bogen brauche oder reinblasen muss. Für was ich jedoch das Instrument verwende aber nicht. Ich kann mit einer Stradivari-Geige eine Symphonie spielen, ein Rockkonzert oder wenn ich keinen Hammer habe, damit auch einen Nagel einschlagen. Geht sie dabei kaputt, muss ich sie flicken. Hier hilft es mir aber nicht zu wissen, wie ich das Instrument spielen muss.

1000 Franken für die «richtige» Ernährung?

Die Analogie zum Menschen: Wenn unser Körper durch zu viel Stress im Alltag, eine Überlastung oder Erkrankung «kaputt» geht, hilft uns die Erkenntnis kaum etwas, was er im Normalzustand brauchen würde. Wir müssen erkennen, wo das Problem ist und wie wir genau dieses Problem beheben können. Und das ist definitiv nicht in den Genen zu finden.

Wenn ein Mensch einen Lebensstil führt, der in aus dem Gleichgewicht führt, muss er für eine Heilung oder Verbesserung einer Problematik seine Balance wiederfinden. Dies geschieht aber nicht in den Genen, sondern im realen Leben. Eine DNA-Ernährung wäre allenfalls etwas für absolut gesunde Menschen, die im Lot sind. Müssen diese aber mehr als 1000 Franken ausgeben, um zu erkennen, welches die «richtige» Ernährung ist? Nein, natürlich nicht!

Stigmatisieren statt geniessen

Aber vielleicht würde es ja einem Sportler dienen, seine Leistung zu maximieren? Auch hier versagt die DNA-Ernährung. Dies zeigt auch das Beispiel von Bradley Wiggins, der sowohl Tour-de-France-Sieger wie auch Bahnrad-Olympiasieger wurde. Bei beiden sitzt er auf einem Rad, doch ist es eine andere Sportart. Die Belastung der Muskulatur ist absolut entgegengesetzt.

Um in beiden Bereichen Weltklasse zu sein, war nicht nur eine Adaptation des Trainings wichtig, sondern auch der Ernährung. Der Bahn-Olympiasieger Wiggins musste viel mehr Kohlenhydrate essen, der Tour-de-France-Sieger viel mehr Fett. Die Ernährung entscheidet mit über den Trainingseffekt, genau darum ist sie nicht in den Genen pauschal verankert!

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene und sollte sich vor allem nicht durch eine Liste von Lebensmitteln bevormunden lassen. Zusammenstellungen von guten und bösen Lebensmitteln stigmatisieren unser Essen, statt es uns geniessen zu lassen. Und oft ist es leider gerade die scheinbare Suche und Sucht nach Perfektion, welche die Menschen immer mehr von sich selbst entfernt. In diesem Sinne wünsche ich euch allen frohe Ostertage.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur und Zürich Oerlikon. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er regelmässig Kolumnen.

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