«Heiler»-Prozess: HIV-Diagnose aus heiterem Himmel
Aktualisiert

«Heiler»-ProzessHIV-Diagnose aus heiterem Himmel

Der «Heiler von Bern», der 16 Menschen mit HIV angesteckt haben soll, blieb heute dem Gericht fern. Währenddessen belasten ihn neue Aussagen von Opfern weiterhin schwer.

Am Heiler-Prozess in Bern haben am Dienstagvormittag zwei weitere HIV-Infizierte ausgesagt. Damit sind nun sämtliche 16 Opfer vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland erschienen.

Ein Mann berichtete, er habe beim «Heiler» Klavierunterricht genommen. Wegen einer Sehnenscheidenentzündung habe er sich auf eine angebliche Akupunktur-Behandlung eingelassen. Diese habe dann aus einem einzigen Stich in die rechte Schulter bestanden.

Einige Jahre später habe er Blut spenden wollen, worauf er aus heiterem Himmel die HIV-positiv-Diagnose erhalten habe. Davon habe der «Heiler» Wind gekriegt und ihn versucht einzuschüchtern: Wenn er ihn anzeige, werde er ihn mit seinen Anwälten fertigmachen.

Was den «Heiler» zu seinem Handeln veranlasst habe, wisse er nicht. Zuerst habe er gedacht, der Mann habe bewusst etwas Böses tun wollen. Doch vielleicht gehe es um etwas anderes; der Mann habe ja offensichtlich «Allmachtsfantasien».

«Heiler wollte Macht über andere»

Als 16. Opfer trat eine frühere Musikschülerin auf. Sie könne wie alle anderen nur mutmassen, weshalb sie gestochen worden sei. Vielleicht sei sie zu resolut aufgetreten, vielleicht habe sich der «Heiler» über ihren Bezug zur Freikirche geärgert.

Auch sie gab an, der «Heiler» habe immer Macht über andere Leute ausüben wollen. Oft habe er darüber gesprochen, was diese und jener tun und lassen sollte.

Der Musiklehrer habe sich im Verlauf der Zeit verändert, berichtete sie. Am Anfang sei er freundlich gewesen, später sei er ihr oft hypernervös vorgekommen, aggressiv und mitunter paranoid. Ein Zertifikat für ihre Ausbildung habe sie nie erhalten.

Die Frau sagte aus, sie sei in der Wohnung des «Heilers» am Notenschreiben gewesen, als der Mann sie unangekündigt mit einem unbekannten Gegenstand in die linke Schulter gestochen habe. Er habe von einem Versehen gesprochen und «an den Blumen herumgemacht». Sie habe sich zuerst genervt, die Szene dann aber vergessen - bis sie einige Wochen später krank geworden sei. (sda)

Der Heiler-Prozess

X., Musiklehrer und selbsternannter Heiler, soll 16 Patienten und Schüler mit HIV-verseuchten Nadeln gestochen und so infiziert haben. X. ist der schweren Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten sowie wegen Drohung, versuchter Nötigung und Tätlichkeiten angeklagt. Nach acht Jahren Untersuchung muss sich der «Heiler von Bern» vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Bis am Montag sass der Angeklagte in einem Nebenzimmer und verfolgte von dort den laufenden Prozess, am Montag trat er zum ersten Mal zur Einvernahme vor den Richter.

Bisher haben jene 13 Opfer vor Gericht ausgesagt, die auch als Privatkläger auftreten, darunter zwei ehemalige Patienten und die Ex-Freundin des Musiklehrers. Die Kläger liessen keine Zweifel aufkommen, dass X. sie während einer vermeintlichen Akupunktur-Behandlung angesteckt hat, die Ex-Freundin erzählte vor Gericht, dass der Angeklagte sie geschlagen, bedroht und mit einem Getränk betäubt habe.

Auch das am vergangenen Donnerstag vorgestellte phylogenetische Gutachten belastet den Heiler schwer: Die Viren der Opfer hätten ganz klar denselben «Stammbaum», sagte Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich vor Gericht. Die Untersuchungen lege den Schluss nahe, dass sich alle 16 Personen aufgrund derselben Quelle infiziert hätten, so der Gutachter.

Am Montagnachmittag hat die Ex-Frau von X. vor Gericht gegen den Angeklagten ausgesagt.

Der Prozess dauert drei Wochen, das Urteil soll am 22. oder 23. März verkündet werden.

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