Prozess in Bern: HIV-Positiver belastet den «Heiler» schwer
Aktualisiert

Prozess in BernHIV-Positiver belastet den «Heiler» schwer

Der «Heiler von Bern», der 16 Menschen mit HIV angesteckt haben soll, blieb heute dem Gericht fern. Ein Hauptzeuge belastet den Mann nun schwer: Dem HIV-Positiven wurde regelmässig Blut abgezapft.

von
am

Im Berner Heiler-Prozess ist der Angeklagte am Dienstag schwer belastet worden. Ein HIV-positiver Mann gab zu Protokoll, er habe sich vom «Heiler» jahrelang regelmässig Blut abzapfen lassen.

Noch am Montag hatte der Angeklagte beteuert, er leide unter einer Blutphobie und habe sich niemals verseuchtes Blut besorgt. Die Untersuchungsbehörden legen ihm dagegen zur Last, mindestens 16 Menschen verseuchtes Blut gespritzt und so mit dem HI-Virus angesteckt zu haben.

Der Zeuge, der am Dienstagnachmittag vor Gericht erschien, besuchte die Musikschule des selbsternannten Heilers ab 1997. Zu seinem Lehrer habe ihn auch eine private Freundschaft verbunden. Der Musiklehrer sei ihm bald einmal mit allgemeinen Lebensfragen zur Seite gestanden, zudem habe er ihm von seinen heilenden Kräften erzählt.

«Dein Blut ist jetzt im Schamanen-Kreis»

2001 sei er HIV-positiv getestet worden, berichtete der Zeuge weiter. Erzählt habe er das nur dem «Heiler». Dieser habe ihm gesagt, er solle das Geheimnis für sich behalten und sich ganz ihm anzuvertrauen - er könne ihm helfen.

Der «Heiler» habe ihn zudem aufgefordert, sich von ihm Blut abzapfen zu lassen. «Er hat mir den Arm abgebunden und mit einer Spritze Blut genommen.» Darauf sei der Heiler mit der Probe in einen anderen Raum gegangen. «Dein Blut wird jetzt im Schamanen-Kreis analysiert», habe er ihm dann mitgeteilt. Diese Prozedur habe man von 2001 bis 2005 regelmässig wiederholt. «Ich denke, dass er mein Blut den anderen Opfern gespritzt hat.»

Weiter: «Ich musste ihm einen Schwur leisten, dass ich niemand von meiner Krankheit und der Blutentnahme erzähle», sagte der Zeuge vor Gericht. Auch seiner damaligen Freundin durfte er nichts von seiner Ansteckung sagen.

Wurde auch dieser Zeuge vom «Heiler» mit HIV infiziert?

Nachdem er schwer erkrankt sei, habe er sich vom «Heiler» distanziert, erzählte der Zeuge. Wo er sich selber mit dem HI-Virus angesteckt hat, wisse er bis heute nicht, sagte der Mann.

Nicht auszuschliessen sei, dass auch er vom «Heiler» infiziert worden sei. Denn dieser habe ihm schon vor dem HIV-positiven Befund einmal Blut abgenommen. Dann aber gäbe es noch eine zweite Quelle verseuchten Blutes.

Angeklagter fehlt

Der vielbeachtete Heiler-Prozess am Regionalgericht Bern-Mittelland wurde am Dienstag ohne den Angeklagten fortgesetzt. Sein Mandant habe ihn angerufen und sich für den fünften Prozesstag abgemeldet, erklärte der Pflichtverteidiger. «Er hat schlecht getönt, offenbar hat er ein gesundheitliches Problem.»

Der «Heiler» befindet sich auf freiem Fuss. Die bernische Justiz hatte ihm zwar ursprünglich unter anderem auferlegt, er dürfe den Kanton nicht verlassen und müsse sich jeden Tag persönlich bei der Polizei melden. Das Bundesgericht strich aber die meisten Auflagen; sie seien unverhältnismässig, befand das höchste Gericht. (am/sda)

Der Heiler-Prozess

X., Musiklehrer und selbsternannter Heiler, soll 16 Patienten und Schüler mit HIV-verseuchten Nadeln gestochen und so infiziert haben. X. ist der schweren Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten sowie wegen Drohung, versuchter Nötigung und Tätlichkeiten angeklagt. Nach acht Jahren Untersuchung muss sich der «Heiler von Bern» vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Bis am Montag sass der Angeklagte in einem Nebenzimmer und verfolgte von dort den laufenden Prozess, am Montag trat er zum ersten Mal zur Einvernahme vor den Richter.

Bisher haben jene 13 Opfer vor Gericht ausgesagt, die auch als Privatkläger auftreten, darunter zwei ehemalige Patienten und die Ex-Freundin des Musiklehrers. Die Kläger liessen keine Zweifel aufkommen, dass X. sie während einer vermeintlichen Akupunktur-Behandlung angesteckt hat, die Ex-Freundin erzählte vor Gericht, dass der Angeklagte sie geschlagen, bedroht und mit einem Getränk betäubt habe.

Auch das am vergangenen Donnerstag vorgestellte phylogenetische Gutachten belastet den Heiler schwer: Die Viren der Opfer hätten ganz klar denselben «Stammbaum», sagte Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich vor Gericht. Die Untersuchungen lege den Schluss nahe, dass sich alle 16 Personen aufgrund derselben Quelle infiziert hätten, so der Gutachter.

Am Montagnachmittag hat die Ex-Frau von X. vor Gericht gegen den Angeklagten ausgesagt.

Der Prozess dauert drei Wochen, das Urteil soll am 22. oder 23. März verkündet werden.

Verteidigung fordert Entlastungszeugen und Zweitgutachten

Im Heiler-Prozess wehrt sich die Verteidigung gegen den Abschluss des Beweisverfahrens. Das Gericht solle insgesamt neun Entlastungszeugen aufbieten und zwei Zweitgutachten einfordern, forderte der Pflichtverteidiger am Dienstagabend.

Zur Begründung sagte er, bislang seien ausschliesslich die 16 HIV-Infizierten und die ehemalige Ehefrau des «Heilers» angehört worden. Sie alle hätten den Angeklagten belastet, der bekanntlich alle Vorwürfe zurückweise.

Im Gegenzug seien neun Personen aufzubieten, die zwischen 2001 und 2005 ebenfalls Kontakt mit dem Beschuldigten gehabt hätten. Sie könnten dazu beitragen, dass kein einseitiges Bild des Angeklagten entstehe. Schliesslich gebe es das Gebot des fairen Verfahrens.

Weiter verlangte die Verteidigung die Erstellung zweier Zweitgutachten. Zum einen brauche es eine weitere phylogenetische Expertise, die Auskunft über die Virenstämme der 16 Opfer gebe. Denn die heutigen phylogenetischen Studien seien besser abgestützt als das vorliegende Zürcher Gutachten.

Ausserdem brauche es ein zweites psychiatrisches Gutachten. Denn das vorliegende habe einen stark vorverurteilenden Charakter, machte der Verteidiger geltend. Über seine Anträge entscheidet das Gericht am Donnerstag. (sda)

Deine Meinung