Dortmunds Höhenflug: Hochrisikospiele zur Freude der Fans
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Dortmunds HöhenflugHochrisikospiele zur Freude der Fans

Borussia Dortmund rauscht durch die Bundesliga. Der Spektakel-Fussball birgt aber auch Gefahren. Schlägt Real Madrid heute Kapital daraus?

von
Kai Müller
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Partystimmung in Dortmund: Der BVB führt die Bundesliga-Tabelle an und schiesst Tore am Laufmeter.

Partystimmung in Dortmund: Der BVB führt die Bundesliga-Tabelle an und schiesst Tore am Laufmeter.

Lars Baron
Zuletzt gabs ein 6:1 gegen Gladbach. Pierre-Emerick Aubameyang traf dreifach, er steht in der Meisterschaft bei acht Toren.

Zuletzt gabs ein 6:1 gegen Gladbach. Pierre-Emerick Aubameyang traf dreifach, er steht in der Meisterschaft bei acht Toren.

Lars Baron
Auch Reus-Ersatz Maximilian Philipp brilliert momentan.

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Christof Koepsel

Hätten sie doch alle auf Ted van Leeuwen gehört. Der Niederländer ist Sportlicher Leiter beim dänischen Zweitligisten Esbjerg FB, was nur insofern von Bedeutung ist, als es von Sachverstand zeugt. Vor allem aber ist er ein alter Freund von Peter Bosz. Als Dortmund seinen Landsmann im Juni als neuen Trainer vorstellte, sagte van Leeuwen: «Ein Club, der sich für Bosz entscheidet, entscheidet sich für einen Reifungsprozess. Man muss Geduld haben, dann kommt das Ergebnis von selbst, genau wie bei den Meistern der Malerei.»

Als die Dortmunder im Hochsommer eine maximal mässige Vorbereitung abschlossen, war das Fazit schnell gezogen: Bosz' Form des «Voetbal totaal» – inspiriert von seinem Vorbild Johan Cruyff – mit dem typisch niederländischen 4-3-3, einer hoch stehenden Abwehr und aggressivem Gegenpressing funktioniert (noch) nicht. Stattdessen macht es die bereits unter Vorgänger Thomas Tuchel nicht immer sattelfeste BVB-Abwehr noch instabiler. Kritiker monierten, das System passe nicht zu diesem Personal. Oder umgekehrt.

Dembélé ist passé

Knapp zwei Monate später darf man feststellen: Ted van Leeuwen hatte recht. Dortmund führt die Bundesliga nach dem berauschenden 6:1 gegen Gladbach weiterhin an, aus sechs Spielen resultierten 16 Punkte und 19:1 Tore. Es ist der beste Start der Clubgeschichte. Der bedingungslose Offensivfussball trägt Früchte, die Protagonisten wie Aubameyang, Philipp, Pulisic, Jarmolenko, Götze, Kagawa, Reus, wenn er denn nicht ständig verletzt wäre, und wie sie alle heissen, entfalten eine ungeheure Wucht. Wer war nochmal Ousmane Dembélé?

Über allen steht Aubameyang, der zwar schon länger von einem noch zahlungskräftigeren Arbeitgeber mit noch mehr Strahlkraft träumt, aber trotzdem mit ganzem Herzen bei der Sache bleibt, wenn sich wieder einmal ein lukrativer Wechsel zerschlagen hat. Zwölf Tore in neun Wettbewerbsspielen sind Beweis genug.

Anfällig auf Konter

So schön sich das alles angelassen hat in Dortmund, die Spieler und die Verantwortlichen wissen den Höhenflug richtig einzuordnen. Obwohl jenes gegen Gladbach das erste Gegentor in der Meisterschaft war, birgt Bosz' System Gefahren. Dann nämlich, wenn Fehler im Aufbau passieren oder das Gegenpressing ins Leere läuft.

Gegen die andere Borussia brauchte es mehrere Interventionen von Goalie Roman Bürki, um weiteres Ungemach zu verhindern. «Wenn wir leichte Ballverluste hatten, hatte der Gegner grosse Chancen», kritisierte Bosz. Amtskollege Dieter Hecking sagte: «Wenn man 1:6 verloren hat, darf man das gar nicht erwähnen. Aber wir hätten auch fünf Tore erzielen können.»

Prüfstein Real

Wie der schwarz-gelben Walze beizukommen ist, demonstrierte Tottenham vor zwei Wochen am ersten Spieltag der Champions League eindrücklich. Nach einer Viertelstunde hatten die Londoner Dortmund bereits zweimal erfolgreich ausgekontert, am Ende siegten sie 3:1.

Nach der bisher einzigen Saisonniederlage sind die Deutschen in der Königsklasse unter Zugzwang. Dass heute Titelverteidiger Real Madrid nach Dortmund kommt (ab 20.45 im Ticker), ist ein zusätzliches Hindernis im Kampf um die ersten beiden Plätze in der Gruppe H. Zwar tut sich das Team von Zinédine Zidane in der heimischen Liga derzeit ungewohnt schwer, und Dortmund hat zu Hause noch nie verloren gegen den spanischen Rekordmeister. Dennoch warnt Sportdirektor Michael Zorc: «Bei Real ist eine andere Qualität auf dem Platz, da werden Fehler sofort bestraft.»

Die Westfalen werden auf der Hut sein müssen gegen die pfeilschnellen Angreifer um Ronaldo und Bale. Ihre Lust am Wagnis wird aber auch gegen Real ungebrochen sein. Hochrisikospiel einmal anders, zur Freude der Fans.

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