Aktualisiert 15.12.2010 07:19

USAHochstapler der Herzen

William H. war Herzspezialist. Er hatte Professuren und Beraterposten bei renommierten Unternehmen. Dann ist er aufgeflogen.

von
Gregory Smith, AP

Er hatte etwas von einem Supermann, konnte Jumbos durch die Lüfte und winzige Schläuche durch Arterien steuern. Als Kardiologe und Flugkapitän brachte William H. Ärzten und Piloten bei, wie sie Herzen und Flugzeuge vor Stillstand und Absturz bewahren könnten.

Er erhielt Zuschüsse in Millionenhöhe, hatte Professuren und Beraterposten inne, und er gab damit an, für die besten medizinischen Unternehmen zu arbeiten. Eine Geschichte der Associated Press (AP) stellte ihn als Ausbilder auf einer Tagung der Amerikanischen Hochschule für Kardiologie vor.

In Wahrheit aber ist H. kein Herzspezialist, nicht einmal einfacher Arzt. Die AP fand heraus, dass er keine ärztliche Niederlassung hat, keinen Lehrauftrag, keinen Doktortitel und nicht die vorgegebenen 15 Jahre Berufserfahrung als Arzt. Er studierte zwar kurze Zeit Medizin, brach das Studium jedoch ohne Diplomen ab.

Charismatischer Hochstapler mit Fluglizenz

Seine Qualifikationen als Pilot stehen hingegen ausser Frage. Nach Angaben der Flugaufsichtsbehörde (FAA) hält er sogar das höchste Flugpatent und darf Grossraumflieger steuern. Die Fluggesellschaft United Airlines, für die er arbeitete, verhängte jedoch im August ein Flugverbot, nachdem sich H.'s Referenzen als Mediziner wie Kondensstreifen auflösten.

Im Juni bereits trat er als Ausbilder und Forscher eines Krankenhauses in Michigan zurück. Andere Ärzte, die mit dem 58-jährigen Piloten zusammenarbeiten, sind perplex; nicht nur wegen der dreisten Täuschung, auch weil viele seine Arbeit wertschätzten und ihn ungern gehen sahen.

«Die Nachricht hat mich schockiert», sagt Dr. Douglas Weaver, Präsident der Kardiologiegruppe, die H. vor ein paar Jahren ein Stipendium von 250 000 Dollar samt Reisekostenzuschuss ausstattete. «Er gab sich seiner Aufgabe total hin», meint Weaver, der selbst Pilot ist und für das Henry-Ford-Krankenhaus in Detroit arbeitet.

Die Augen nie vom Patienten abwenden

Selbst nachdem sein falsches Spiel aufgeflogen war, wollte ihn der Medizinerverband American Medical Association (AMA) ein bereits angekündigtes Seminar abhalten lassen. Sein Titel auf den Broschüren wurde einfach von Doktor zu Kapitän abgeändert. Erst als die Geschäftsführung davon Wind bekam, platzte der Lehrgang.

Den Organisationen und Unternehmen, die H. hinters Licht führte, ist der Vorfall peinlich. Sie gingen dem Mann mit dem sandfarbenem Haar auf dem Leim, beeindruckt von seinem erhabenem Auftreten und schlichten Einsichten - beispielsweise, dass man während der Visite nie seine Augen von einem Patienten abwenden sollte.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass der falsche Arzt jemals operierte, jedoch stand er in Operationssälen, um die Arbeit der Ärzte auf Video aufzunehmen und deren Teamarbeit danach auszuwerten. Der Herzspezialist Dr. Sameer Mehta aus Miami, der eine Kardiologen-Konferenz organisiert, sagte, H. schien sich mit den Prozeduren bei Notoperationen und dem Legen von Herzkathetern auszukennen.

Der Gruppenreinfall

Für Gruppen ist es einfach auf solche Leute hereinzufallen, denn jeder nimmt an, ein anderer habe die Geschichte des bekannten Sprechers überprüft, meint Dr. William O'Neil, ein Kardiologe, der nun der Dekan der Universität von Miami ist. «Irgendwie kommt einem der Name bekannt vor, man hat ihn in der Literatur bereits mal gelesen».

H. selbst, der in Michigan bei Chicago lebt, wollte sich zu den Vorwürfen nicht äussern. Sein Anwalt, David Nacht, gab zu, sein Klient habe keinen Medizinabschluss der Universität von Wisconsin aus den 80ern. «Es ist der Wunsch von Herrn H. die fälschlichen Annahmen über seinen Hintergrund zu korrigieren, die er selbst zu verantworten hat. Hierüber will er ehrlich und offen sein», sagte Nacht.

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