Viele Gemeinsamkeiten - Hoden und Gehirn sind sich ähnlicher als gedacht
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Viele GemeinsamkeitenHoden und Gehirn sind sich ähnlicher als gedacht

Auf den ersten Blick haben Gehirne und Hoden nicht viel miteinander gemein. Doch nun attestieren Forschende aus Portugal ihnen Parallelen und eine enge Verbindung.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Gehirn und Hoden liegen nicht gerade nah beieinander.  (Im Bild: ein männliches Plastinat, das an der Körperweltenausstellung in London im Jahr 2008 zu sehen war)

Gehirn und Hoden liegen nicht gerade nah beieinander. (Im Bild: ein männliches Plastinat, das an der Körperweltenausstellung in London im Jahr 2008 zu sehen war)

Flickr/Farrukh/CC BY-NC 2.0
Trotzdem haben sie mehr gemeinsam, als man bisher meinte.

Trotzdem haben sie mehr gemeinsam, als man bisher meinte.

Unsplash
Zu diesem Schluss kommen Forschende aus Portugal im Fachjournal «Open Biology» der Royal Society. 

Zu diesem Schluss kommen Forschende aus Portugal im Fachjournal «Open Biology» der Royal Society.

Screenshot Open Biology

Darum gehts

  • Portugiesische Forschende machen mit einer Studie von sich reden.

  • Dieser zufolge weisen Gehirn und Hoden viele Gemeinsamkeiten auf.

  • Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, mit dieser Erkenntnis männliche Unfruchtbarkeit sowie Erektionsstörungen besser zu verstehen und behandeln zu können.

An der Unterstellung, dass Männer oft mit ihrem Unterleib denken, ist laut einer Studie von portugiesischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr dran, als man bis anhin meinte. Demnach weist das Gehirn von allen Organen im Körper am meisten Ähnlichkeit mit den Hoden auf. Zudem stehen das Denkorgan und die Hoden in enger Verbindung, wie es im Fachjournal «Open Biology» der Royal Society heisst.

Die im ersten Moment befremdlich klingende Erkenntnis ist laut den Forschenden der Universitäten Porto und Aveiro von grosser Bedeutung. Sie könnte dazu beitragen, männliche Unfruchtbarkeit und Erektionsstörungen besser zu verstehen und zu behandeln.

Schlauer Mann, gutes Sperma

Auf die Idee, dass Gehirn und Hoden Gemeinsamkeiten aufweisen könnten, kam das Team um Reproduktionsmedizinerin Margarida Fardilha aufgrund einer früheren Studie von Forschenden des King’s College London und der University of New Mexico, laut welcher zwischen männlicher Intelligenz und Spermienzahl sowie -qualität ein Zusammenhang besteht. Wie dieser genau aussieht, konnte jedoch nie vollständig geklärt werden.

Um diese Wissenslücke zu schliessen, haben die portugiesischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun die Proteine von 33 verschiedenen Gewebetypen untersucht, darunter Gehirn, Hoden, Herz, Eierstöcke, Leber, Prostata, Gebärmutterhals und Nieren.

Viele Übereinstimmungen …

Dabei zeigte sich, dass das Gehirn aus 14’315 und der Hoden aus 15’687 verschiedenen Proteinen besteht, wobei die Organe unglaubliche 13’442 Proteine gemeinsam haben. Das sei die höchste Anzahl gemeinsamer Proteine, so die Forscher und Forscherinnen in einer Aussendung. Das deute darauf hin, dass das menschliche Gehirn und die Hoden die ähnlichsten Gewebe des menschlichen Körpers sind.

Und nicht nur das: «Eine gross angelegte Analyse der Expression von 33’689 Genen in 15 menschlichen Geweben ergab, dass das menschliche Gehirn und die Hoden auch die grösste Ähnlichkeit in der Genexpression aufweisen», so das Team um Fardilha. Entsprechend weisen Gehirn und Hoden auch eine grosse Anzahl von funktionellen Ähnlichkeiten auf.

… und eine ähnliche Funktionsweise

Das Gehirn und die Hoden haben einen extrem hohen Energiebedarf im Körper, deshalb sind beide Regionen sehr anfällig für oxidativen Stress. Darunter versteht man das Ungleichgewicht von Radikalen und Antioxidantien im Körper, das Zellen und Gewebe schädigen kann. Um dieser Schwäche entgegenzuwirken, haben die beiden Gewebe ähnliche Schutzbarrieren entwickelt, die Blut-Hirn-Schranke und die Blut-Hoden-Schranke. Indem sie schlechte Einflüsse abhalten, sichern sie die menschliche Existenz.

Eine weitere Gemeinsamkeit von menschlichen Denkorgan und männlichen Keimdrüsen betrifft die Botenstoffe von Nervenzellen. Denn auch die Art, wie diese Neurotransmitter im Gehirn miteinander kommunizieren und die Hoden ihre Spermien produzieren, läuft nach einem ähnlichen Prozess ab.

Frauen-Gehirne funktionieren nach dem «Hoden-Prinzip»

Warum Gehirn und Hoden sich derart ähneln, ist noch unklar. Die Forschenden vermuten, dass in der Evolution der Druck der natürlichen Selektion dazu beigetragen hat, dass beide Organe einen ähnlichen Weg gewählt haben, mit ihren jeweiligen Herausforderungen umzugehen – und sich dieser in beiden Fällen als äusserst sinnvoll erwiesen hat. Fachleute bezeichnen diesen Vorgang als Speziation.

Eine vergleichbare Ähnlichkeit konnte zwischen dem Gehirn und weiblichen Geschlechtsorganen nicht festgestellt werden. Es scheint also, als würde auch das weibliche Denkorgan nach dem «Hoden-Prinzip» funktionieren. Ob die portugiesischen Forschenden mit diesem Verdacht richtig liegen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

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