Englands Coach im Fokus: Hodgsons intensivste Wochen
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Englands Coach im FokusHodgsons intensivste Wochen

Seit 35 Jahren ist Roy Hodgson Trainer, 50 Tage davon bei den «Three Lions». Er bleibt seiner Taktik stets treu - mit Erfolg. In fünf Spielen haben die Engländer unter ihm nie verloren.

Es sind ereignisreiche Wochen für Roy Hodgson. Und die wohl intensivsten seiner mittlerweile über fünfunddreissigjährigen Karriere als Trainer. Seit 50 Tagen trägt der in Croyden, in der Agglomeration Londons, aufgewachsene Hodgson die grösste Bürde, die einem Trainer mit britischem Pass auferlegt werden kann. Bis jetzt löste er die Aufgabe mit Bravour. Trotz Verletzungspech und Diskussionen um die Nichtnomination Rio Ferdinands, die vor dem Turnierstart für viel Wirbel gesorgt haben, ist England unter Hodgson noch ungeschlagen. Auch die Absenz Wayne Rooneys, der gegen die Ukraine nach dem Ende seiner Sperre erstmals an diesem Turnier zum Einsatz kommen wird, brachte England nicht aus dem Tritt.

Riesige Skepsis zu Beginn

Die Skepsis der Öffentlichkeit und der Fans vor wenigen Wochen war gross: gegenüber Hodgson, gegenüber der Mannschaft, gegenüber dem Turnier im Osten Europas. Kaum jemals in der Geschichte von WM- oder EM-Endrunden werden die «Three Lions» von so wenigen Fans unterstützt wie in der Ukraine. Nichtsdestotrotz haben die Spieler den von vielen befürchteten «Worst Case» vorerst abgewendet und sich dank dem 1:1 gegen Frankreich und dem 3:2 gegen Schweden eine ideale Ausgangslage für das letzte Gruppenspiel gegen den Gastgeber geschaffen.

Englands Auftritte waren nicht berauschend. Das Remis gegen Frankreich war für viele eines der langweiligsten Spiele an dieser EM. Beim Sieg gegen Schweden trugen vor allem die Skandinavier viel zum Spektakel bei, die individuelle Klasse von Hodgsons Joker Theo Walcott sowie der herrliche Absatztreffer Danny Welbecks hatten in jener Partie noch einmal die Wende zugunsten der Engländer gebracht. «Der taktische Plan von Hodgson hat England vor die Zeit der Weltmeisterschaft von 1966 zurückversetzt», schrieb danach «The Guardian».

England einer Old-School-Taktik

Welbecks Traumtreffer gegen Schweden

Hodgsons Handschrift ist simpel - und längstens bekannt. Keine andere Mannschaft an diesem Turnier ausser England praktiziert noch das klassische 4-4-2-System, in dem auch die Mittelfeldspieler auf einer Linie spielen. Das System sei antiquiert und längst überholt, sagen Kritiker. Sogar die Schweden sind davon abgewichen, was allerdings eher an ihrem Ausnahmespieler Zlatan Ibrahimovic liegt, der hinter der Spitze alle Freiheiten geniesst.

Viele der Spitzenteams wie Deutschland oder Frankreich haben die 4-2-3-1-Formation als Basis, wobei Anpassungen individuell erfolgen. Auch Spaniens Trainer Vicente Del Bosque kehrte wieder zu diesem System zurück, nachdem er im Startspiel gegen Italien mit sechs Mittelfeldspielern und ohne klassische Sturmspitze angetreten war. Allerdings ist das spanische Spiel in der Offensive von derart vielen Positionswechseln geprägt, dass es für die Gegner enorm schwierig auszurechnen ist. Portugal spielt in einem variablen 4-3-3-System mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler, Italiens Cesare Prandelli setzte auf eine Dreierkette in der Abwehr.

Hodgson bleibt sich treu

Hodgsons Systemtreue hat System. Mit der gleichen Organisation hatte er bereits Ende der Siebziger- und in den Achtzigerjahren bei Halmstad und Malmö seine ersten Erfolge als Trainer gefeiert. Er habe sich vom Liverpool der Siebzigerjahre beeinflussen lassen, hatte Hodgson einmal in einem Interview gesagt. «Passen und laufen, sich schnell bewegen, und wenn du den Ball verloren hast, gehst du zurück auf deine Position.» Anfang der Neunzigerjahre revolutionierte er mit der Einführung der Raumdeckung den Schweizer Fussball und weckte den Verband aus seinem Dornröschenschlaf. Die erstmalige WM-Qualifikation nach 28 Jahren für die WM 1994 in den USA und die EM-Teilnahme 1996 waren die Folge davon, mit dem Aufbau einer systematischen Nachwuchsförderung wurde die Basis für spätere Erfolge gelegt.

Auch später verpasste Hodgson seinen Teams immer und immer wieder dieselbe Handschrift. Akribisch und detailversessen perfektionierte er seine Mannschaften in der Organisation mit zwei Vierketten und zwei Sturmspitzen. Mit Fulham erreichte er damit 2010 den Final der Europa League, den Abstiegskandidaten West Bromwich führte er in den letzten eineinhalb Jahren ins Tabellen-Mittelfeld der Premier League.

Wenig Erfolg im Klubfussball

Die ganz grossen Triumphe blieben Hodgson mit seiner Philosophie auf höchster Stufe aber bisher versagt. Bei Inter Mailand und Liverpool kam es jeweils zur vorzeitigen Trennung. Auch an anderen Stationen wie Grasshoppers, Udinese oder dem finnischen Nationalteam war Hodgson kein Erfolg beschert. Für den als «Gentleman» geltenden Hodgson geht es heute in Donezk deswegen auch um ein Novum. Auch wenn Rooney vom möglichen Titel spricht, eine Viertelfinalqualifikation Englands wäre anhand der Umstände bereits als Erfolg zu werten. Egal, mit welchem System. (si)

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