Umstrittene Kryptowährung: Höherer Stromverbrauch als Finnland – muss die Schweiz Bitcoin verbieten?

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Umstrittene KryptowährungHöherer Stromverbrauch als Finnland – muss die Schweiz Bitcoin verbieten?

Eine einzige Bitcoin-Transaktion verbraucht etwa gleich viel Strom wie ein Haushalt in 1,5 Monaten. Die Grünen wollen Bitcoin nun stärker regulieren. Die Branche wehrt sich.

von
Marcel Urech
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Das Bitcoin-Netzwerk basiert auf Rechenleistung von Computern und braucht massenhaft Strom. 

Das Bitcoin-Netzwerk basiert auf Rechenleistung von Computern und braucht massenhaft Strom. 

REUTERS/Andy Clark
Leser M.B.* nervt sich: «Beim Waschen, Duschen und Kochen sollen wir uns nun einschränken. Diese Sparappelle sind widersprüchlich, solange man Kryptowährungen uneingeschränkt herstellen und handeln darf.»

Leser M.B.* nervt sich: «Beim Waschen, Duschen und Kochen sollen wir uns nun einschränken. Diese Sparappelle sind widersprüchlich, solange man Kryptowährungen uneingeschränkt herstellen und handeln darf.»

REUTERS
Luzian Franzini von den Grünen hat wegen Bitcoin ein Postulat eingereicht: Er fordert, dass der Kanton Zug keine energiefressenden Kryptowährungen als Zahlungsmittel bei Steuern mehr akzeptiert.

Luzian Franzini von den Grünen hat wegen Bitcoin ein Postulat eingereicht: Er fordert, dass der Kanton Zug keine energiefressenden Kryptowährungen als Zahlungsmittel bei Steuern mehr akzeptiert.

Luzian Franzini

Darum gehts

  • Bitcoin frisst pro Jahr mehr Strom als Länder wie Belgien, Chile und die Philippinen.

  • Diesen «Energiefresser» müsse die Schweiz nun endlich stärker regulieren, fordern die Grünen.

  • Ein Verbot von Bitcoin würde gar nichts bringen, kontert die Swiss Blockchain Federation.

Die hohen Energie- und Strompreise haben Folgen: Die Pizza beim Italiener wird teurer, Hotels verlangen einen Kostenzuschlag und Firmen fordern Hilfe vom Bund. Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat zudem zum Energiesparen aufgerufen. Gleichzeitig verbraten Kryptowährungen wie Bitcoin massenhaft Strom.

Leser M.B.* nervt das: «Wir sollen uns beim Waschen, Duschen und Kochen einschränken, doch Kryptos gehen vergessen.» Eine einzige Transaktion «mit diesen Luftschloss-Währungen» verbrauche etwa gleich viel Strom wie ein Durchschnittshaushalt in 1,5 Monaten. «Die Sparappelle sind widersprüchlich, solange man Kryptowährungen uneingeschränkt herstellen und handeln darf», sagt der Leser.

Rufe nach Verbot werden laut

Laut der Universität Cambridge verbraucht das Bitcoin-Netzwerk aktuell rund 94,8 Terawattstunden Strom pro Jahr. Ganz Finnland braucht in zwölf Monaten weniger Strom. Paul Niggli, Ex-Krisenmanager beim Stromnetzbetreiber Swissgrid, hat darum in einem Interview mit CH Media ein Verbot von Bitcoin gefordert.

Bangladesch, Bolivien und Ghana haben Bitcoin bereits verboten. Muss das auch die Schweiz tun? «Das würde gar nichts bringen», sagt SVP-Politiker Heinz Tännler, der Präsident der Swiss Blockchain Federation, auf Anfrage. Energie brauche hauptsächlich das Mining (siehe Box) – und in der Schweiz schürfe fast niemand Bitcoin. Wichtig sei vor allem, dass das Mining in Ländern stattfinde, wo die Energiekosten tief seien.

Darum braucht Bitcoin so viel Strom

Bitcoin-Zahlungen bestätigen nicht Banken und Finanzdienstleister, sondern ein weltweit verteiltes Computernetzwerk. Dieses sogenannte Mining braucht sehr viel Rechenleistung. Auch die Grösse des Bitcoin-Netzwerks sorgt für einen hohen Stromverbrauch: Laut «Coinmarketcap» ist Bitcoin mit aktuell rund 39 Prozent Marktanteil die grösste Kryptowährung der Welt.

Auch wenn die Schweiz Bitcoin verbiete, lebe die Kryptowährung weiter, sagt Tännler. Denn die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin beruhe, könne man nicht einfach abschalten. «Die Rufe nach einem Verbot sind ein populistischer Angriff auf eine innovative Branche», sagt der Zuger SVP-Regierungsrat. Auch andere Wirtschaftszweige bräuchten viel Energie, etwa die Industrie, das Finanzwesen und die Verwaltungen.

Zug soll Bitcoin-Zahlungen einstellen 

Die Grünen sehen das anders. Sie haben in Zug ein Postulat eingereicht, das der Regierung verbieten soll, energiefressende Kryptowährungen als Zahlungsmittel bei Steuern zu akzeptieren. Kryptos sollen nur noch erlaubt sein, wenn ihre Erstellungs- und Transaktionsverfahren im Einklang mit den Klimazielen der Schweiz stehen.

Der Kantonsrat werde das Thema voraussichtlich am 29. September diskutieren, sagt Luzian Franzini von der Partei «Alternative – die Grünen Zug» zu 20 Minuten. Er reichte das Postulat gemeinsam mit seinen Partei-Freunden Andreas Hürlimann und Tabea Zimmermann Gibson ein. 

Soll die Schweiz Bitcoin verbieten?

Im aktuellen Kontext sei es ein falsches Signal, Energiefresser wie Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Vor allem dann, wenn man von der Bevölkerung verlange, dass sie Energie sparen soll. «Der Energieverbrauch vieler Kryptowährungen ist so hoch, dass wir sie nun endlich regulieren müssen», sagt Franzini.

Es geht auch anders

Dass es auch anders geht, zeigt die zweitgrösste Kryptowährung Ethereum: Sie hat ihre Technologie am 15. September umgestellt, womit für die Herausgabe neuer Coins und die Verifizierung von Transaktionen kein energieintensives Mining mehr nötig ist.

Stattdessen setzt Ethereum jetzt auf ein Verfahren, das auch Schweizer Kryptowährungen wie Cardano, Solana und Polkadot verwenden. Laut den Entwicklern braucht Ethereum so 99,95 Prozent weniger Strom als vor der Umstellung.

*Name der Redaktion bekannt.

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