Regelmässige Einnahme von Antibiotika kann Darmkrebs-Risiko begünstigen
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Vorsicht bei AntibiotikaHöheres Darmkrebs-Risiko bei regelmässiger Antibiotika-Einnahme

Antibiotika werden eingenommen, um von Bakterien befreit und gesund zu werden. Doch laut einer Studie können sie – lange und regelmässig geschluckt – mitunter auch krank machen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Schwedische Forschende haben nachgewiesen, dass eine regelmässige und längerfristige Einnahme von Antibiotika das Dickdarmkrebsrisiko erhöhen kann. 

Schwedische Forschende haben nachgewiesen, dass eine regelmässige und längerfristige Einnahme von Antibiotika das Dickdarmkrebsrisiko erhöhen kann.

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Personen, die mehr als sechs Monate lang Antibiotika einnehmen, haben demnach ein um 17 Prozent höheres Risiko für Krebs im aufsteigenden Dickdarm als Personen die keine Antibiotika einnehmen. Kein erhöhtes Risiko wurde für Krebs im absteigenden Dickdarm festgestellt. (Erklärung: 1 = Magen 2 = Dünndarm 3 = absteigender Teil des Dickdarms 4 = aufsteigender Teil des Dickdarms 5 = Wurmfortsatz 6 = Mastdarm 7 = After)

Personen, die mehr als sechs Monate lang Antibiotika einnehmen, haben demnach ein um 17 Prozent höheres Risiko für Krebs im aufsteigenden Dickdarm als Personen die keine Antibiotika einnehmen. Kein erhöhtes Risiko wurde für Krebs im absteigenden Dickdarm festgestellt. (Erklärung: 1 = Magen 2 = Dünndarm 3 = absteigender Teil des Dickdarms 4 = aufsteigender Teil des Dickdarms 5 = Wurmfortsatz 6 = Mastdarm 7 = After)

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Auch für den Mastdarm scheint kein erhöhtes Risiko zu bestehen. Allerdings beobachteten die Forschenden in diesem Bereich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während Antibiotika bei Männern dort keinerlei Veränderungen hervorrufen, kam Mastdarmkrebs bei Frauen nach der Einnahme von Antibiotika sogar seltener vor.

Auch für den Mastdarm scheint kein erhöhtes Risiko zu bestehen. Allerdings beobachteten die Forschenden in diesem Bereich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während Antibiotika bei Männern dort keinerlei Veränderungen hervorrufen, kam Mastdarmkrebs bei Frauen nach der Einnahme von Antibiotika sogar seltener vor.

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Darum gehts

  • Laut Forschenden besteht zwischen der längerfristigen Einnahme von Antibiotika und der Entwicklung von Dickdarmkrebs ein Zusammenhang.

  • Dazu kommt es, weil Antibiotika die für das Immunsystem wichtige Darmflora schädigen können.

  • Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler raten, wie man der Entwicklung vorbeugen kann.

Die häufige Einnahme von Antibiotika kann das Risiko für Darmkrebs erhöhen. Forschende um Sophia Harlid von der schwedischen Universität Umeå berichten im «Journal of the National Cancer Institute» von einem «eindeutigen Zusammenhang». Demnach haben Personen, die regelmässig und über lange Zeit Antibiotika einnehmen, ein leicht erhöhtes Risiko, innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre an Darmkrebs zu erkranken. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass die Auswirkungen von Antibiotika auf das sogenannte Mikrobiom des Darms dafür verantwortlich ist (siehe Box).

Mikrobiom des Darms?

Als Mikrobiom bezeichnet man die Gemeinschaft aller Mikroorganismen – etwa Bakterien, Viren und Pilze – die in Menschen, Tieren, aber auch Pflanzen vorkommen. Bei den Menschen ist ein Mikrobiom unter anderem in der Darmschleimhaut zu finden. Ist sie gesund, wird sie von vielen verschiedenen Bakterienstämmen besiedelt. Man spricht in diesem Fall von der Darmflora. Diese spielt eine wichtige Rolle für das Immunsystem. Antibiotika können die Darmflora schädigen. Das kann zu Durchfallerkrankungen, Entzündungen – und wie die Studie zeigt – auch zu Dickdarmkrebs führen.

«Die Ergebnisse zeigen, dass es viele Gründe gibt, mit Antibiotika vorsichtig umzugehen», so das Fazit der Studienautorinnen und -autoren. Ihr Vorschlag: «Während eine Antibiotikatherapie in vielen Fällen notwendig ist und Leben rettet, sollte man bei weniger schwerwiegenden Erkrankungen, die auch von alleine heilen, zurückhaltend sein», so Harlid in einer Mitteilung. Schliesslich gelte es zu verhindern, dass Bakterien Resistenzen bilden und – wie die Studie nun zeigt – auch das Krebsrisiko der betroffenen Patientinnen und Patienten möglichst klein zu halten.

Unterschiede bei den Geschlechtern

Für die Studie verglichen die Forschenden die Daten von mehr als 40’000 Darmkrebspatienten und -patientinnen mit gut 200’000 gesunden Menschen (siehe Box). Dabei zeigte sich, dass die Personen, die mehr als sechs Monate lang Antibiotika einnehmen, ein um 17 Prozent höheres Risiko für Krebs in dem Teil des Dickdarms haben, der an den Dünndarm anschliesst (siehe Bildstrecke), als Personen die keine Antibiotika eingenommen haben. Kein erhöhtes Risiko wurde für Krebs im absteigenden Dickdarm festgestellt.

Auch für den Mastdarm scheint gemäss der Studie kein erhöhtes Risiko zu bestehen. Allerdings beobachteten Harlid und ihr Team in diesem Bereich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während Antibiotika bei den männlichen Studienteilnehmer keinerlei Veränderung hervorrufen, kam Mastdarmkrebs bei Frauen nach der Einnahme von Antibiotika sogar seltener vor.

Vorsorge ist besser als Sorge

Das erhöhte Risiko für Dickdarmkrebs zeigte sich bereits fünf bis zehn Jahre nach der Einnahme von Antibiotika, so die Forschenden. Obwohl der Anstieg des Risikos bei den Personen am grössten war, die die meisten Antibiotika einnahmen, konnte auch ein zwar geringer, aber statistisch signifikanter Anstieg des Krebsrisikos nach einer einzigen Antibiotikaeinnahme beobachtet werden.

Es sind die Antibiotika, die den Unterschied machen

Um zu prüfen, ob das erhöhte Risiko tatsächlich auf die zuvor eingenommenen Antibiotika zurückzuführen ist, prüften die Forschenden, ob sich ein solcher Zusammenhang auch nach der Einnahme von einem nicht-antibiotischen bakterientötenden Medikament, von dem man weiss, dass es das Mikrobiom nicht beeinträchtigt. Ergebnis: Es gab keinen Unterschied in der Häufigkeit von Dickdarmkrebs bei denjenigen, die dieses Medikament einnahmen, was darauf hindeutet, dass es die Auswirkungen von Antibiotika auf das Mikrobiom sind, die das Krebsrisiko erhöhen.

Grund zur Sorge besteht laut den schwedischen Wissenschafterlinnen und Wissenschaftlern dennoch nicht, so Harlid: «Der Anstieg des Risikos ist moderat, und die Auswirkungen auf das absolute Risiko für den Einzelnen sind ziemlich gering.» Aber die Studie zeige einmal mehr, wie wichtig Vorsorge ist. «Damit kann Krebs frühzeitig erkannt oder sogar verhindert werden, da Krebsvorstufen manchmal entfernt werden können.»

In der Schweiz werden laut Krebsliga.ch pro Jahr rund 4500 Dickdarmfälle neu diagnostiziert. Etwa 1650 Betroffene sterben alljährlich daran.

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Hier findest du Hilfe:

Krebstelefon, Tel. 0800 11 88 11

Cancerline, Chat mit Fachpersonen

Regionale Beratungsstellen der Krebsliga

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