Gesundheitskosten: Hören soll billiger werden
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GesundheitskostenHören soll billiger werden

Den hohen Preisen für Hörgeräte in der Schweiz gehts an den Kragen: Das Bundesamt für Sozialversicherung hat die Lieferung von Hörhilfen international ausgeschrieben. Damit werden die Sozialwerke Kunden und reden so beim Preis mit.

Die Auswahl der Lieferanten soll bis April 2009 abgeschlossen sein, teilte das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) am Montag in einem Communiqué mit. Ziel sind mindestens drei Hersteller. Damit beschafft die IV die Geräte, welche sie und die AHV vergüten, selbst.

Klare Qualitätskriterien

Auswahlkriterien sind nicht nur der Preis, sondern auch klar definierte Qualitätsanforderungen. Auch müssen die Hersteller die jeweils aktuellen Modelle zur Verfügung stellen. Das reduziere das breite Angebot, räumt das BSV ein. Die künftige Palette werde individuelle Bedürfnisse der Versicherten aber weiter abdecken.

Von der Ausschreibung erwartet die IV Einsparungen von 10 bis 20 Millionen Franken im Jahr - vorsichtig geschätzt. Der Schritt stellt einen Systemwechsel dar. Die Sozialwerke treten am Markt als Besteller auf und können damit auf die Preisgestaltung einwirken - statt wie bisher einfach zu bezahlen.

Nach den herstellerseitigen Preismassnahmen will das Bundesamt sein Augenmerk auf den Fachhandel richten, die Akustiker. Deren Pauchalen für Anpassung, Wartung und andere Dienstleistungen würden in einem nächsten Schritt neu augehandelt.

Überhöhte Margen in der Branche

Den Margen und Rabatten der Hörgerätebranche stehe keine Leistung zugunsten der hörbehinderten Versichterten entgegen, begründet das BSV den Systemwechsel.

Auch nach Berücksichtigung einer Pauschale für den Aufwand der Akustik-Fachgeschäfte bleibe je nach Händler unter dem Strich 45 Prozent - schnell einmal über 1000 Franken pro Gerät. Folge seien im internationalen Vergleich überhöhte Gerätepreise.

Bis 4065 Franken von der IV

Derzeit bezahlen die Sozialversicherungen den Hörbehinderten einen Beitrag an ein Hörgerät ihrer Wahl. Hinzu kommt eine Dienstleistungspauschale für die Akustikerinnen und Akustiker.

Bei der IV beträgt dieser Beitrag je nach Schwere der Behinderung zwischen 1570 (für ein Ohr) und 4065 Franken (für beide Ohren). Die AHV entrichtet nur an die Versorgung eines Ohrs einen Beitrag; dieser umfasst 75 Prozent des IV-Beitrags alle fünf Jahre.

Wünschen Hörbehinderte ein Modell mit einem Verkaufspreis über dem Sozialwerke-Beitrag, müssen sie die Preisdifferenz selbst bezahlen. Auch für diese Käufer erwartet das BSV Einsparungen, wie es schreibt.

Zurzeit gibt es 210 Geräte, für welche die IV voll aufkommt. Hinzu kommen gut 660 Geräte, bei denen der Versicherte den Mehrpreis selber tragen muss.

Branche legt Beschwerde ein

Der Branchenverband «hörenschweiz» bemängelte, die Rechtsgrundlage für die Ausschreibung fehle. Das BSV überschreite seine Kompetenzen. Darum reichte die Branche gemäss «hörenschweiz» am Montag zusammen mit dem Gewerbeverband Aufsichtsanzeige gegen das BSV ein.

Pro Audito dagegen, die Organisation für Menschen mit Hörproblemen, unterstützt das BSV. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hatte festgestellt, dass sich die Ausgaben der Sozialwerke für Hörhilfen innert zehn Jahren verdoppelten.

(sda)

Hörgeräte Wachsender Markt dank besserer Versorgung

Nach Schätzungen von pro audito, der Organisation für Menschen mit Hörproblemen, sind rund 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung von einer Hörbehinderung betroffen. 175 000 Menschen leben heute mit modernen Hörgeräten.

Nach Angaben des Branchenverbands hörenschweiz wurden 2007 rund 70 000 Geräte verkauft. Diesen Markt teilen sich knapp 20 Hersteller.

Die Preise für ein Hörgerät bewegen sich zwischen einigen hundert und mehreren tausend Franken. Insgesamt setzt die Branche etwa 250 Millionen Franken pro Jahr um. 2005 haben AHV und IV für Hörgeräte 114 Millionen Franken ausgegeben, mit steigender Tendenz.

Gemäss der Branchenorganisation ist dafür aber nicht eine Preissteigerung bei den Geräten, sondern eine höhere Zahl von Hörgerätebezügern verantwortlich.

(SDA)

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