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Ungeklärte VerbrechenHoffen auf DNA-Hits und Kommissar Zufall

Die Aufklärungsrate bei Kapitalverbrechen ist hoch. Dennoch gibt es in der Zentralschweiz mehrere schwere Fälle, die noch hängig sind – teils seit 15 Jahren. Werden die Täter je gefasst?

von
mme
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Das berühmteste Beispiel: Polizisten durchkämmen das Gebiet am Dammweg in Emmen an der Reuss. Dort wurde am 21. Juli 2015 eine 26-jährige Frau brutal vergewaltigt, seither ist sie querschnittsgelähmt. Trotz intensiver Fahndung konnte der Täter bisher nicht ermittelt werden.

Das berühmteste Beispiel: Polizisten durchkämmen das Gebiet am Dammweg in Emmen an der Reuss. Dort wurde am 21. Juli 2015 eine 26-jährige Frau brutal vergewaltigt, seither ist sie querschnittsgelähmt. Trotz intensiver Fahndung konnte der Täter bisher nicht ermittelt werden.

Archivbild 20 Minuten
Polizisten in Stansstad im Gebiet Harissenbucht-Steinbruch: Hier wurde im See die Leiche einer 36-jährigen Bulgarin gefunden, die im September 2014 ermordet wurde. Sie arbeitete zuvor auf dem Strassenstrich in Luzern.

Polizisten in Stansstad im Gebiet Harissenbucht-Steinbruch: Hier wurde im See die Leiche einer 36-jährigen Bulgarin gefunden, die im September 2014 ermordet wurde. Sie arbeitete zuvor auf dem Strassenstrich in Luzern.

Archiv 20 Minuten
Mi diesem Teppichmesser wurde am 31. August 2005 einer 81-Jährigen in Luzern am Hals tödliche Schnittverletzungen zugefügt. Verübt hat die Tat eine Frau, die immer noch flüchtig ist.

Mi diesem Teppichmesser wurde am 31. August 2005 einer 81-Jährigen in Luzern am Hals tödliche Schnittverletzungen zugefügt. Verübt hat die Tat eine Frau, die immer noch flüchtig ist.

Luzerner Polizei

24'722 Straftaten gegen Leib und Leben gab es 2016 in der Schweiz. In vielen Fällen konnten die Täter dingfest gemacht werden: 86,7 Prozent wurden gefasst, zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Jene Täter, die bisher nicht ermittelt werden konnten, sind teils seit Jahren flüchtig. In der Zentralschweiz gibt es etliche Fälle, die sich vor Jahren oder Jahrzehnten ereignet haben – und die Ermittler tappen immer noch im Dunklen:

- Das wohl berühmteste Beispiel ist die Vergewaltigung von Emmen. Am 21. Juli 2015 riss ein Unbekannter auf dem Weg neben der Reuss eine 26-jährige Frau vom Velo und vergewaltigte sie. Das Opfer ist seither querschnittsgelähmt. Trotz intensiver Fahndung mit Massen-DNA-Test und tausenden kontrollierten Mobil-Telefonen ist der Täter immer noch flüchtig. Über ihn sind nur wenige Details bekannt: Er soll Raucher sein, sich «Aron» genannt haben, 1,70 bis 1,80 Meter gross sein, schlank, 19 bis 25 Jahre alt, eher dunkle Hautfarbe und schwarzbraune, kurze und dick gekrauste Haare haben. Zur Tatzeit trug er einen dunklen Langarm-Hoodie und kurze Hosen. Wer der Mann ist und wo er sich aufhalten könnte, ist völlig unbekannt. Belohnung für Hinweise, die zum Täter führen: 20'000 Franken.

- Am 21. September 2014 wurde eine 36-jährige Frau aus Bulgarien in Stansstad im Gebiet Harissenbucht-Steinbruch im Vierwaldstättersee tot aufgefunden worden. Sie wurde ermordet. Das Opfer hatte auf dem Strassenstrich im Gewerbegebiet Ibach in Luzern gearbeitet, wo sie in der Nacht zuvor mehrere Freier bedient haben soll. Arbeitskolleginnen hatten die Frau in der Nacht auf Sonntag nach erfolglosen Anrufen auf ihrem Handy als vermisst gemeldet. Ihr Mörder ist drei Jahre nach der Tat immer noch flüchtig.

- Am 1. September 2005 wurde an der Weystrasse 8 in Luzern die Leiche einer 81 jährigen Frau gefunden. Der Rentnerin wurde am 31. August 2005 mit einem Teppichmesser am Hals tödliche Schnittverletzungen zugefügt. Am Tatort sicherten die Ermittler Blut einer unbekannten Frau, die als Täterin in Frage kommt. Die Polizei geht davon aus, dass sie sich mit dem Messer im Gedränge selbst verletzte. Die Teppichmesser-Killerin ist noch immer nicht gefunden. Für Hinweise, die zum Ermittlungserfolg führen, ist eine Belohnung von 10'000 Franken ausgesetzt.

- Fast 15 Jahre liegt eine tödliche Messerstecherei zurück, die sich im Jahr 2003 in Bäch SZ ereignet hatte. Gesucht wird ein Georgier, von dem die Polizei annimmt, dass bei der Tat dabei war. Auch mehr als ein Jahrzehnt später warnt die Schwyzer Polizei noch immer auf ihrer Website vor dem Mann: «Achtung, er dürfte bewaffnet sein und von der Waffe auch Gebrauch machen.»

«Wir haben die Täter, nicht aber ihren Aufenthaltsort»

In allen offenen Fällen hoffen die Ermittler natürlich, die Täter auch nach langer Zeit noch zu fassen. Im Fall Emmen «laufen die Ermittlungen nach wie vor», sagte Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft Luzern. Aber auch Fälle wie jener der getöteten 81-jährigen Rentnerin «legen wir nicht einfach zu den Akten». Wie im Fall von Emmen konnte auch in diesem Fall Täter-DNA sichergestellt werden. «Wir haben also die Täterschaft, nicht aber deren Aufenthaltsort», sagt Kopp. «Wenn die Täter in Zukunft irgendwo DNA abgeben müssen, dann haben wir sie.» Es gebe auch Hinweise aus der Bevölkerung, denen man nachgehe; selbst im Fall der 81-Jährigen, die bereits vor zwölf Jahren getötet wurde, gingen vereinzelt immer wieder neue Hinweise ein. Und natürlich hoffe man auch auf Kommissar Zufall, bestätigt Kopp auf Anfrage.

Auch Familial Search brachte nichts

Auch im Fall des Prostituierten-Mordes von Stansstad haben die Ermittler alles versucht. «Wir haben am Körper des Opfers Fremd-DNA gesichert, leider gab das keine direkten Hits», sagt Staatsanwalt Alexandre Vonwil. Neben vielen anderen Ermittlungsmethoden sei kürzlich auch als letztes Mittel eine Familial Search angewandt worden. Hier geht es darum, mittels Gentechnologie nach Verwandten des Täters zu suchen. «Das Resultat war negativ», sagt Vonwil. Dieses Mittel wurde übrigens auch in Emmen angewandt, auch hier ohne Erfolg.

Fall auf Eis gelegt, aber pendent

Nun stehe man an einem Punkt, an dem sämtliche Ermittlungsansätze ausgeschöpft seien, sagt Vonwil. «Sobald der Schlussbericht der Polizei vorliegt, wird der Fall auf Eis gelegt.» Dies heisse aber nicht, dass er erledigt ist. Definitiv eingestellt werde er erst, wenn die Tat verjährt ist. Bis dann dauert es noch lange. Vonwil: «Es gab schon viele Fälle, wo Kommissar Zufall nach Jahren zuschlug.»

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