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Hoffen auf Überleben von Zwilling Lea

Nach dem Tod des siamesischen Zwillingsmädchens Tabea hoffen die Ärzte in Baltimore auf eine Genesung der überlebenden Lea.

Ihr Befinden sei ernst, aber stabil, verlautete am Donnerstagabend (Ortszeit) aus dem Johns-Hopkins-Krankenhaus. Gleichzeitig teilte der Direktor der pädiatrischen Neurochirurgie, Benjamin Carson, mit, dass der Tod von Leas Schwester Tabea nach der operativen Trennung von unregelmässigem Herzschlag und niedrigem Blutdruck ausgelöst worden sei.

Tabea war offensichtlich von Anfang an das schwächere der beiden einjährigen Mädchen aus Lemgo, die am Kopf zusammengewachsen waren. Bei dem komplizierten Eingriff mussten Gehirngewebe und kritische Blutgefässe getrennt werden. Als sich bei Tabea ein Herzstillstand einstellte, musste die bereits eingeleitete Operation am vergangenen Samstag für drei Tage unterbrochen werden. Am Mittwochabend wurde der Eingriff schliesslich fortgesetzt.

Carson zufolge war der 18-stündige Operationsmarathon zu etwa 75 Prozent abgeschlossen, als sich bei Tabea neue Komplikationen einstellten. «Es war klar, dass uns nicht viel Zeit blieb», sagte Carson. Daraufhin habe man sich zu Notfallmassnahmen entschlossen und den Abschluss beschleunigt.

Immer wenn Tabea unter Narkose gestanden habe, sei klar gewesen, «dass die Dinge nicht optimal waren», erklärte Carson. Die Anästhesistin Deborah Schwengel bestätigte, dass Tabeas Herzschlag langsamer und ihr Blutdruck niedriger gewesen seien, als dies wünschenswert gewesen wäre. Das kleine Mädchen starb kurze Zeit nach Beendigung des Eingriffs trotz intensiver Wiederbelebungsversuche.

«Ich spreche für das gesamte Team, wenn ich sage, dass uns Tabeas Tod zutiefst betrübt», erklärte Carson. «Ich bin dankbar für den Mut dieser Familie. Wir haben grosse Hoffnung für Lea.» Die Eltern der Zwillinge äusserten sich zunächst nicht öffentlich.

Lea befand sich in der Nacht zum Freitag weiter auf der Intensivstation. Carson zeigte sich optimistisch mit Blick auf ihre Chancen zur völligen Genesung: «Wenn keine grösseren Komplikationen auftreten, erwarte ich, dass sich Lea zu einem starken jungen Mädchen entwickelt und ein normales unabhängiges Leben führen kann.» Sollte sie überleben, muss sie sich noch weiteren Operationen zur Rekonstruktion der Schädeldecke unterziehen. Ob das Gehirn bei dem Eingriff beschädigt wurde oder nicht, liess sich laut Carson vorerst nicht eindeutig feststellen. Lea wird auf jeden Fall noch Wochen oder Monate in der Johns-Hopkins-Klinik zubringen.

An der operativen Trennung waren insgesamt 17 Neurochirurgen, fünf plastische Chirurgen, 14 Anästhesisten, 42 Krankenschwestern sowie 22 medizinisch-technische Assistenten beteiligt. Im Operationssaal befanden sich jeweils rund 25 dieser Spezialisten. Nach der erfolgten Trennung teilte sich das Team in zwei Gruppen, die zur einfacheren Unterscheidung farblich gekennzeichnet waren: Das «gelbe Team» kümmerte sich um Lea, das «orange Team» um Tabea.

Siamesische Zwillinge kommen im Schnitt ein Mal bei 70.000 bis 100.000 Lebendgeburten vor. Siamesische Zwillinge, die am Kopf zusammengewachsen sind, treten bei zwei Millionen Lebendgeburten ein Mal auf. Sie sind am schwierigsten zu trennen. (dapd)

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