Quartierläden am Limit: «Hoffentlich kommt mein Kind nicht an einem Sonntag auf die Welt»
Publiziert

Quartierläden am Limit«Hoffentlich kommt mein Kind nicht an einem Sonntag auf die Welt»

Die Corona-Krise hat viele Studentenjobs gekillt. Basler Quartierläden würden zu Randzeiten und sonntags gerne welche beschäftigen, dürfen aber nicht. Jetzt fordern sie eine Liberalisierung des Arbeitsgesetzes und erhalten dabei Schützenhilfe aus der Politik.

von
Lukas Hausendorf
1 / 8
Hakan Yildiz, Betreiber des Breisachershops, würde gerne Studenten anstellen, um mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.

Hakan Yildiz, Betreiber des Breisachershops, würde gerne Studenten anstellen, um mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.

20 Minuten
In Basel-Stadt gelten für Familienbetriebe erweiterte Ladenöffnungszeiten. Während dieser Zeit dürfen aber nur Familienangehörige im Laden arbeiten. Diese Regel ist vielen Shop-Betreibern ein Dorn im Auge.

In Basel-Stadt gelten für Familienbetriebe erweiterte Ladenöffnungszeiten. Während dieser Zeit dürfen aber nur Familienangehörige im Laden arbeiten. Diese Regel ist vielen Shop-Betreibern ein Dorn im Auge.

KEYSTONE
Zusammen mit anderen Betreibern von Basler Quartierläden wie Ali Isbilir vom Kasernen Shop (rechts) und Mustafa Bolart von Dilly’s Lädeli (Zweiter von links) lanciert Yildiz jetzt eine Petition, die liberalere Spielregeln einfordert. Sie wollen die gleiche Praxis wie im Nachbarkanton Baselland, wo auch abends und sonntags Angestellte arbeiten dürfen.

Zusammen mit anderen Betreibern von Basler Quartierläden wie Ali Isbilir vom Kasernen Shop (rechts) und Mustafa Bolart von Dilly’s Lädeli (Zweiter von links) lanciert Yildiz jetzt eine Petition, die liberalere Spielregeln einfordert. Sie wollen die gleiche Praxis wie im Nachbarkanton Baselland, wo auch abends und sonntags Angestellte arbeiten dürfen.

20 Minuten

Darum gehts

  • Familienbetriebe sind in Basel von den gesetzlichen Ladenöffnungszeiten ausgenommen.
  • Abends und am Sonntag machen sie den grössten Teil ihres Umsatzes, dürfen aber just dann keine Angestellten beschäftigen.
  • Betreiber mehrerer Quartierläden fordern nun eine Liberalisierung.
  • Mehrere Basler Regierungskandidaten befürworten das Anliegen.

Studentenjobs sind in diesen Zeiten rar geworden. Hakan Yildiz, Inhaber des Breisachershops, eines Quartierladens im unteren Kleinbasel, würde aber noch so gerne ein, zwei Studenten bei sich arbeiten lassen. Wenn er denn bloss dürfte. Seinen Kollegen Ali Isbilir vom Kaserne Shop oder Mustafa Bolart von Dilly’s Lädeli geht es gleich. Gerade am Wochenende in den Abendstunden und sonntags, wenn die Kundenfrequenz am grössten ist, stehen sie allein im Laden. Der Gesetzgeber will es so.

«Hochbetrieb ist bei uns nach den normalen Ladenschlusszeiten, dann brauche ich Unterstützung», sagt Yildiz. «Im Sommer ist bei mir abends die Hölle los», sagt auch Ali Isbilir vom Kasernenshop. Einzig Ehepartnern wäre es dann erlaubt, im Laden zu arbeiten, erklärt Michael Mauerhofer vom Basler Amt für Wirtschaft und Arbeit. So will es das Basler Ruhetags- und Ladenöffnungszeitengesetz (RLG).

Dieser Passus wurde in den 1990er-Jahren beschlossen, um dem Lädelisterben entgegenzuwirken. In Basel-Stadt sind rund 330 Familienbetriebe registriert, die von den Arbeits- und Ruhezeiten gemäss Arbeitsgesetz ausgenommen sind. Die Einhaltung des Gesetzes wird regelmässig kontrolliert, wie die Betreiber mehrerer Quartierläden berichten.

Familien leiden unter Familienbetriebsregel

Die Shopbetreiber bringt das ans Limit. Für die Familie bleibt kaum Zeit. «Ich werde im Januar zum zweiten Mal Vater. Ich hoffe, das Kind kommt nicht am Sonntag zur Welt, weil ich dann im Laden stehen muss», sagt Yildiz. So ist es nämlich seinem Cousin ergangen, der als Franchisenehmer sogar verpflichtet ist, sonntags geöffnet zu haben.

Der Unternehmer möchte nun zusammen mit anderen Leidgenossen für liberalere Spielregeln kämpfen. «Wir wären froh, würden bei uns die gleichen Regeln wie in Baselland gelten», sagt er. Dort gibt es zusätzlich zum Bundesgesetz keine kantonalen Verschärfungen, etwa in Form eines Ladenschlussgesetzes. Yildiz überlegt sich nun, eine entsprechende Petition zu lancieren.

Regierungskandidaten für Liberalisierung

In der Politik stösst das Anliegen auf offene Ohren. «Die Familienbetriebe sind ein wichtiger Baustein der Versorgung der Bevölkerung ausserhalb der normalen Ladenöffnungszeiten. Eine Entlastung der Betreiberfamilien ist im Sinne aller Beteiligten», sagt die grünliberale Regierungskandidatin Esther Keller. «Das kommt beispielsweise auch Studierenden entgegen, die so eine Aussicht auf Teilzeitjobs erhalten. Ich bin deshalb für eine Liberalisierung.»

Das findet auch SVP-Regierungskandidat Stefan Suter: «Quartierläden stellen eine grosse Bereicherung dar. Aufgrund der Corona-Krise sind weitere Liberalisierungen angezeigt.» Auch LDP-Regierungskanditatin Stephanie Eymann würde eine Liberalisierung nach Baselbieter Vorbild, die auch den Bundesvorgaben entspreche, unterstützen. So würden neue Möglichkeiten für Nebenjobs entstehen, was wirtschaftlich gesehen gerade jetzt wichtig sei. «Man sollte Krisen auch zum Anlass nehmen, zu enge Vorgaben zu lockern und sinnvolle Änderungen in Angriff zu nehmen.»

20 Minuten hat die Kandidatinnen und Kanditaten aller etablierten Parteien, die sich am 25. Oktober erstmals für einen Sitz in der Basler Regierung bewerben, per E-Mail mit der Situation konfrontiert. Innert einer Woche haben lediglich die Zitierten auf die Anfrage reagiert. Keine Antwort erhielt die Redaktion von den SP-Kandidaten Beat Jans und Kaspar Sutter und der EVP-Kandidatin Christine Kaufmann.

Arbeitnehmerfreundliches Stimmvolk

In Basel-Stadt scheiterten bereits mehrere Anläufe, das kantonale Ladenöffnungsgesetz aufzuweichen. So stimmte die Basler Bevölkerung schon 2013 und zuletzt 2018 gegen längere Ladenöffnungszeiten. Gewerkschaften hatten sich stets gegen eine Liberalisierung gewehrt, weil sie schlechtere Arbeitsbedingungen für die Angestellten der Grosshändler fürchteten. So dürfen in Basel Läden werktags von 6 bis 20 Uhr und samstags von 6 bis 18 Uhr geöffnet sein. Einzig Familienbetriebe und Läden im Hauptbahnhof SBB können an sieben Tagen in der Woche bis 22 Uhr offen sein.

Deine Meinung

28 Kommentare