Aktualisiert 27.06.2011 16:55

Verbrechen in Deutschland«Hoffentlich schnappen sie ihn jetzt schnell»

Spaziergänger haben am vergangenen Samstag in einem thüringischen Wald die Leiche des 7-jährigen Mädchens Mary-Jane entdeckt. Im Ort Zella-Mehlis ist nichts mehr wie vor dem traurigen Ereignis.

von
Michael Klug
dapd

Von Polizeiautos begleitet verlässt eine Gruppe Kinder mit Sportbeuteln unter dem Arm das Schulgelände. Die Drittklässler wollen zum Sportplatz und die Polizeieskorte sorgt dafür, dass sie unbehelligt an der Schar der Journalisten vorbeikommen. «Am Morgen haben wir beschlossen, die Kinder vor den Reportern zu schützen», sagte Schulamtsleiter Michael Kaufmann über die Entscheidung seiner Behörde. «Ein tragisches und trauriges Ereignis wie der Tod von Mary-Jane muss höchst sensibel aufgearbeitet werden. Gerade mit Grundschülern», fügt er hinzu.

Die Eingänge der Grundschule in Zella-Mehlis, auf die das Mädchen, dessen Leiche am Samstag gefunden wurde, ging, werden nun bewacht. Kamerateams, die am Morgen auf die Schulflure gestürmt waren, werden auf Distanz gehalten. Dazu hat das Schulamt am ersten Schultag nach Mary-Janes Tod ein Team von Psychologen und Notfallseelsorgern in die Schule entsandt, begleitet von Spezialisten der Polizei. «Allein drei Psychologen und drei Notfallseelsorger kümmern sich um die Kinder und ihre Lehrer. Es sind Gruppengespräche in den Klassen und auch Einzelgespräche mit den Kindern geführt worden», sagt Kaufmann. Lehrer, auf denen nunmehr ein gewaltiger Druck laste, hätten zudem Tipps zum Umgang mit der Tat bekommen. Bis zum späten Nachmittag waren die Psychologen im Einsatz.

Schockierte Menschen legen Blumen am Wohnhaus nieder

Unterdessen ist in Zella-Mehlis die Trauer um den Tod der siebenjährigen Mary-Jane auch zwei Tage nach dem Fund ihrer Leiche in einem Bergbach allgegenwärtig. Immer wieder kommen schockierte Menschen zum Wohnhaus der Familie im Plattenbau-Viertel, um dort Blumen und Plüschtiere als Zeichen des Mitgefühls abzulegen. Viele plagt die Angst, dass der Täter nicht gefasst werden könnte. Umso erleichterter werden Nachrichten, wie die vom Fund eines Schulranzens und der Erstellung eines Phantombildes, registriert. «Hoffentlich schnappen sie ihn jetzt schnell. Das wäre gut für die Mutter und uns alle», sagt ein älterer Mann. Später stellt sich allerdings heraus, dass der Ranzen wahrscheinlich nicht dem Mädchen gehörte und mit dem Phantombild ein Zeuge gesucht wird.

Am Vormittag hatte Thüringens Kultusminister Christoph Matschie (CDU) Zella-Mehlis besucht, um sich ein Bild von der Lage zu machen. «Ich bin sehr erschüttert über das Verbrechen», sagte er bei einer anschliessenden Pressekonferenz. Als Vater dreier Kinder gehe ihm der Tod des Mädchens sehr nahe. Auch der Bürgermeister von Zella-Mehlis, Karl-Uwe Panse (parteilos), der seinen Urlaub wegen des gewaltsamen Todes von Mary-Jane unterbrochen hat, zeigte sich sehr betroffen. In 21 Jahren als Stadtoberhaupt sei ihm so ein Verbrechen glücklicherweise bisher erspart geblieben, sagte der sichtlich erschütterte Panse. Am Montagabend findet in der Magdalenenkirche ein Trauergottesdienst für das Mädchen statt.

Rechte versuchen, Trauer auszunutzen

Die Trauer um die getötete Siebenjährige versuchen manche, für ihre Zwecke zu missbrauchen. So stellten Rechtsradikale an einem Supermarkt in unmittelbarer Nähe zur Wohnung der getöteten Mary-Jane mehrere Plakate auf, auf denen sie «Todesstrafe für Kinderschänder» fordern. Einzelne Rechtsradikale behelligen zudem trauernde Passanten mit neofaschistischer Propaganda.

Polizei sucht im Fall Mary-Jane mit Phantombild nach Zeugen

Mit einem Phantombild sucht die Polizei im Fall des getöteten siebenjährigen Mädchens aus Zella-Mehlis nach einem etwa 40-jährigen Mann. Dieser werde als wichtiger Zeuge gesucht, teilte die Polizei am Montag mit. Der Mann wurde nach Aussage von Mitschülern nach Schulschluss am Freitagnachmittag mit Mary-Jane gesehen. Er wird als schlank beschrieben und soll einen Dreitagebart und ein graues Basecap getragen haben.

Spaziergänger hatten die bekleidete Leiche des Mädchens am Samstag in einem Wald unterhalb des Ruppberges entdeckt. Sie war am Freitag nach der Schule nicht nach Hause gekommen und galt seitdem als vermisst. (dapd)

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