Aktualisiert 30.03.2019 17:26

Lehrstellensuche

Hohe Anforderungen frustrieren Bewerber

Lehrbetriebe verlangen von ihren Kandidaten oft Bestnoten und harte Checks. Die Ansprüche seien dramatisch hoch, sagt ein Mentor.

von
B. Zanni
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Erhalten Schüler trotz ordentlicher Noten und Fähigkeiten ständig Absagen, fühlen sie sich laut Andrea Ruckstuhl, Leiter des Mentoringprogramms Job Caddie in Zürich, nutzlos und unerwünscht. «In der Not nehmen sie dann eine Lehrstelle an, die ihnen überhaupt nicht zusagt.»

Erhalten Schüler trotz ordentlicher Noten und Fähigkeiten ständig Absagen, fühlen sie sich laut Andrea Ruckstuhl, Leiter des Mentoringprogramms Job Caddie in Zürich, nutzlos und unerwünscht. «In der Not nehmen sie dann eine Lehrstelle an, die ihnen überhaupt nicht zusagt.»

Marcos Calvo
In vielen handwerklichen Berufen wie etwa dem Automechatroniker ...

In vielen handwerklichen Berufen wie etwa dem Automechatroniker ...

K_thalhofer
... oder dem Schreiner werde stark automatisiert gearbeitet, was erweiterte Computerkenntnisse voraussetzt, so Ruckstuhl.

... oder dem Schreiner werde stark automatisiert gearbeitet, was erweiterte Computerkenntnisse voraussetzt, so Ruckstuhl.

Kzenon

Offene Lehrstellen gibt es in der Schweiz wie Sand am Meer. Rund 30 Prozent von 43 000 ausgeschriebenen Lehrstellen sind laut der Lehrstellenplattform Yousty für das Jahr 2019 noch unbesetzt. Bereits seit Jahren klagen die Ausbilder in den Betrieben über ihre Mühe, Nachwuchs zu rekrutieren. Trotzdem kommen zahlreiche Oberstufenschüler bei der Lehrstellensuche auf keinen grünen Zweig.

«Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt, weil das Qualifikationsniveau im Vergleich zu früher dramatisch angestiegen ist», sagt Andrea Ruckstuhl, Leiter des Mentoringprogramms Job Caddie in Zürich. Gewisse Lehrbetriebe erwarteten, dass die Schüler Bewerbungen auf dem Niveau von voll ausgebildeten Erwachsenen einreichen. «Sie haben hohe Ansprüche an den Lebenslauf, die Darstellung und das Motivationsschreiben.»

Interne Checks und Assessments

Bei einzelnen Firmen müssen die Bewerber laut Ruckstuhl nicht nur einen Multicheck, sondern auch noch interne Checks und Assessments absolvieren. Zudem würden anspruchsvollere Inhalte verlangt. Ein Flair für den Umgang mit Kindern reiche etwa für eine Lehre als Fachfrau Kinderbetreuung nicht mehr. «Wer sich bewirbt, muss auch gute schriftliche Kompetenzen mitbringen, um etwa das Verhalten der Kinder zu reflektieren.»

Mit wachsenden Ansprüchen konfrontiert, werden laut Ruckstuhl auch Schüler, die sich für handwerkliche, gewerbliche und MINT-Berufe interessieren. «In vielen handwerklichen Berufen wie etwa dem Automechatroniker oder dem Schreiner wird stark automatisiert gearbeitet, was erweiterte Computerkenntnisse voraussetzt.»

Mindestens eine 5 im Schnitt

In der Banken- und Versicherungsbranche haben Bewerber mit durchschnittlichen Noten kaum Aussicht auf eine Lehrstelle. Ruckstuhl: «Die Betriebe wollen nur Bewerber einstellen, bei denen auch die Chance besteht, dass sie in der Lehre einen Mindestnotendurchschnitt von 5 erreichen.» «Für einige Jugendliche wird die Lehrstellensuche wegen der hohen Anforderungen zum absoluten Frust», sagt Ruckstuhl. Erhielten sie trotz ordentlicher Schulnoten und Fähigkeiten ständig Absagen, fühlten sie sich nutzlos und unerwünscht. «In der Not nehmen sie dann eine Lehrstelle an, die ihnen überhaupt nicht zusagt.»

Urs Casty, Geschäftsführer von Yousty, teilt den Eindruck. «Die Lehrstellenanbieter schauen die Schulzeugnisse immer detaillierter an», sagt Casty. Dabei unterschätzten die Lehrstellensuchenden oft, dass auch das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten relevant sei. Die Schüler hätten aber auch vermehrt eine falsche Vorstellung von den Lehrberufen und den damit verbundenen Anforderungen und schätzen ihre Leistung im Vergleich dazu falsch ein. «So beharren viele Schüler zu sehr und zu lange auf ihrem Wunschberuf, ohne einen Plan B zu haben.»

«Gestiegene Anforderungen in der Arbeitswelt»

Die Arbeitgeber bestätigen die erhöhten Ansprüche. Die Stärke des dualen Bildungssystems sei, arbeitsmarktfähige Leute auszubilden, hält Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands SGV, fest. «Die gestiegenen Anforderungen in der Arbeitswelt schlagen sich auch auf das Lehrstellenangebot nieder.»Pauschal zu behaupten, für Ausbilder zählten nur die Schulnoten und brillante Assessment-Resultate, sei falsch. «Sehr wohl drücken sie auch ein Auge zu, wenn Bewerber stattdessen mit ihrer Persönlichkeit und anderen Kompetenzen überzeugen.»

Auch Michael Kraft, Leiter Bildung beim Kaufmännischen Verband Schweiz, sagt, dass die Anforderungen in der KV-Lehre hoch sind. Deswegen sei die KV-Lehre aber nicht nur Musterschülern vorbehalten. «Wenn jemand seine interessante Persönlichkeit mit unterschiedlichen Kompetenzen rausstreichen kann, findet er auch eine KV-Lehrstelle mit einem durchschnittlichen Zeugnis.» Ratsam sei aber immer, sich bei unterschiedlichen Branchen für eine KV-Lehre zu bewerben. «Es ist gut möglich, dass man in einer Branche nur Absagen erhält, in einer anderen aber perfekt reinpasst.»

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