03.11.2020 04:50

Labors am AnschlagHohe Belastung führt zu Fehlern bei Corona-Tests

Nach dem Contact-Tracing sind in gewissen Regionen auch die Testzentren und Labors überlastet. Lange Wartezeiten und Fehler sind die Folge.

von
Daniel Graf
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Zehntausende Corona-Tests werden in der Schweiz derzeit jeden Tag durchgeführt.

Zehntausende Corona-Tests werden in der Schweiz derzeit jeden Tag durchgeführt.

KEYSTONE
Das bringt die Labors an ihre Grenzen. Pflegefachpersonen bereiten sich auf Klienten vor, beim Corona Drive In-Testcenter in Thun.

Das bringt die Labors an ihre Grenzen. Pflegefachpersonen bereiten sich auf Klienten vor, beim Corona Drive In-Testcenter in Thun.

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In den Testzentren, in Praxen, Spitälern und Kliniken werden die Abstriche gemacht.

In den Testzentren, in Praxen, Spitälern und Kliniken werden die Abstriche gemacht.

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Darum gehts

  • Viele Labors, welche Corona-Tests auswerten, sind am Anschlag.

  • Das Personal leistet seit Wochen Überstunden, der Markt für Fachpersonal ist ausgeschöpft.

  • Das führt zu Fehlern und längeren Wartezeiten, bis die Getesteten ihre Resultate erhalten.

  • Abhilfe sollen die Schnelltests schaffen, die bald grossflächig eingesetzt werden sollen.

L.O.* musste am vergangenen Donnerstag in Bern zum Corona-Test. «Vor dem Zentrum gab es bereits eine lange Schlange, ich wartete rund 30 Minuten, bis ich an der Reihe war», sagt O. Vom Testzentrum hiess es, sein Resultat werde in höchstens 72 Stunden vorliegen. «Als ich vor drei Wochen einen Test gemacht habe, waren es noch 48 Stunden.»

Am Sonntag, rund 70 Stunden nach dem Test, erhielt O. eine SMS: «Mir wurde mitgeteilt, dass ich negativ sei. Ich war sehr erleichtert, erzählte es sofort meiner Frau, und wir freuten uns gemeinsam über das negative Ergebnis.» Seit Dienstag habe O. seine Frau vorsichtshalber nicht mehr geküsst. «Das haben wir natürlich sofort nachgeholt.»

«Die ganze Vorsicht war umsonst»

Wenige Minuten später dann der Schock: «Ich erhielt einen Anruf vom Testzentrum mit der Info, dass ich die SMS fälschlicherweise erhalten habe. Mein Test sei positiv ausgefallen», sagt O. «Mit dem positiven Testergebnis kann ich leben.» Er fühle sich zwar schlapp und habe Symptome einer Erkältung, ansonsten gehe es ihm aber gut.

«Dass ich aber zuerst einen negativen Entscheid erhalten habe, war schon sehr unangenehm. Der Frust über das positive Resultat und die Folgen wurde dadurch um einiges grösser. Und die ganze Vorsicht, welche ich mit meiner Frau habe walten lassen, war umsonst», sagt O.

5 Tage warten auf das Resultat

Die Überforderung der Labors bekam auch Leserin S.F.* zu spüren. Sie wartete geschlagene fünf Tage auf ihr Testresultat. «Ich bin enttäuscht», sagt F. «Wie soll ich bei einer so langen Wartezeit rechtzeitig die Kontakte informieren, welche ich in den zwei Tagen getroffen habe, bevor die Symptome einsetzten?» Eine Kollegin von F. habe gar zweimal einen Corona-Test machen müssen, weil das Labor den ersten verloren habe. Auch das Kantonsspital Schaffhausen konnte kürzlich 20 Corona-Tests nicht mehr finden.

Willi Conrad, Präsident des Schweizer Laborverbandes, sagt: «Viele Labors sind am Anschlag.» Dass dies zu Verzögerungen führe, sei völlig normal, sagt Conrad und gibt ein Beispiel: «Mich hat kürzlich ein Laborleiter angerufen und mir gesagt, er könne die geforderte Anzahl Tests schlicht nicht mehr durchführen. Auch habe er noch kein anderes Labor gefunden, welches ihm die Tests abnehmen könne.» Selbst wenn der Leiter ein anderes Labor fände, müssten die Tests zuerst dorthin gebracht werden. «Schon alleine aufgrund des Transports dauert es also einen Tag länger, bis die Getesteten ihr Resultat erhalten», sagt Conrad.

«Solche Fehler dürfen nicht passieren»

Kein Verständis hat er dafür, dass Tests verloren gehen oder falsche Ergebnisse kommuniziert werden: «Das darf nicht passieren.» Es sei klar, dass überall dort, wo Menschen arbeiteten, Fehler passieren könnten. Und dass sich die Fehlerquote bei der aktuellen Belastung der Labors erhöhen könne. «Doch gerade im Gesundheitswesen sind die Ansprüche an die Sicherheit und Zuverlässigkeit extrem hoch. Verlorene Tests und falsche Resultate entsprechen nicht dem, was wir erwarten», sagt Conrad.

Auch César Metzger bestätigt, dass die Lage in den Laboren seit Tagen angespannt ist. Er ist Mitglied der Expertengruppe Diagnostik und Tests der Covid-Taskforce des Bundes. «Das Personal muss seit Wochen viele Überstunden leisten. Die meisten Labore arbeiten nun auch mit Abend- und Nachtschichten sowie am Wochenende.» Neues Personal zu finden, sei schwierig, der Fachpersonal-Markt ausgeschöpft.

«Viele Labore haben keine Reserven mehr»

Auch das Testmaterial wird laut Metzger immer knapper: «Viele Labore, besonders kleinere, haben keine Reserven mehr und können nur so viele Proben analysieren, wie sie wöchentlich Reagenzien von ihren Lieferanten erhalte. Überschüssige Proben leiten sie an grössere Partnerlabore weiter.» Dort seien zwar noch wenige Reserven vorhanden, diese reichten aber nur noch für sehr kurze Zeit. «Die Lieferketten sind derzeit stabil, doch die gelieferten Mengen reichen nicht aus, um alle Tests zu machen. Deshalb werden die Reserven eingesetzt.»

*Namen der Redaktion bekannt

Schnelltests sollen Abhilfe schaffen

César Metzger, Chef der Labor-Koordination der Covid-Taskforce, und Willi Conrad, Präsident des Schweizer Laborverbands, sind sich einig: Die Antigen-Schnelltests, welche der Bundesrat gestern schweizweit eingeführt hat, könnten den ausgelasteten Labors eine gewisse Entspannung verschaffen. Bloss: Noch sind sie nicht grossflächig verfügbar. «Es ist extrem wichtig, dass wir sie möglichst schnell einsetzen können», sagt Conrad. Die Schnelltests würden nicht in den Labors ausgewertet, sondern in Praxen, Spitälern und Apotheken: «Der Vorteil dieser Tests ist genau, dass sie nicht in eine Labor geschickt werden müssen.» Conrad hat aber etwa von Apotheken gehört, dass sie erst noch das Personal schulen müssen. «Ich hoffe, dass in ein bis zwei Wochen grossflächig Schnelltests gemacht werden können und etwas weniger PCR-Tests benötigt werden, damit die Labors entlastet werden.»

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280 Kommentare
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Gwunder

04.11.2020, 22:09

Mehr Leute temporär einstellen

Fritz

03.11.2020, 08:43

Dann macht doch die Arme in Bereitschaft. Das wäre doch für sie eine willkommene Abwechslung.

Tom

03.11.2020, 08:41

Tja, Ansprüche an Sicherheit und Zuverlässigkeit in der Medizin werden der allgemeinen Hysterie preisgegeben. Das muss es uns aber schon wert sein. Schliesslich erleben wir die tödlichste Pandemie seit 100 Jahren.